Weißt du, dass du weiß bist?

content warning: racism, white supremacy, white fragility
Diesen Text schrieb ich für weiße Leser*innen. 

Es fällt mir schwer. Das Buch liegt auf meinen Knien und ich starre bewegungslos auf die Wörter. Sie scheinen sich immer und immer wieder in jedem Satz zu wiederholen. Ich sehe sie doppelt und dreifach. Ich werde müde und bekomme kleine Augen. 

Rückblende: Anfang diesen Jahres lese ich im New Yorker die Rezension zum 2018 erschienenen Buch »White Fragility« von Robin DiAngelo. Schon nach wenigen Sätzen fühle ich mich ertappt. DiAngelo schreibt in sachlicher Klarheit über eine unangenehme Wahrheit: Rassismus ist noch immer das Tabu-Thema für weiße Menschen. Wir wollen Teil einer anti-rassistischen Bewegung sein, aber schaffen es nicht über den Rassismus in uns zu sprechen bzw. ihn zu identifizieren. Das Thema wühlt mich auf – aber so schnell es kommt, so schnell verschwindet es auch wieder. Ein paar Wochen später macht mich eine Freundin darauf aufmerksam, wie wichtig sie es findet, dass »White Fragility« von DiAngelo auch in einem deutschen Verlag erscheint. Ich bestelle endlich das Buch. 

Nun sitze ich hier und bin nach dem ersten Kapitel so erschöpft, dass ich mich kaum aufraffen kann weiterzulesen. Beim Zuklappen des Buches sticht mir der Untertitel ins Auge: »Why it’s so hard for white people to talk about racism«. Ich klappe das Buch wieder auf. Die nächsten 140 Seiten lese ich in zwei Tagen. 

–––

Seit ich mich mit Feminismus beschäftige, wird mir auch das rassistische System immer bewusster, in dem ich aufgewachsen bin und lebe. Dieses Phänomen dürfte einigen weißen Feminist*innen in meinem Umfeld bekannt sein: Erst die Auseinandersetzung mit der eigenen Unterdrückung lässt uns die multiplen Unterdrückungen in unserer Gesellschaft erkennen. Erkennen wir uns aber auch selbst als Teil des Problems?

Feminist*innen of Color haben in dem Begriff »white feminism« schon vor Jahrzehnten einen Ausdruck gefunden, der das Ausblenden von Rassismus in weißen, feministischen Diskursen beschreibt und kritisiert. Und noch heute sind es hauptsächlich Feminist*innen of Color, die auf Bühnen zu weißem Feminismus sprechen oder dazu schreiben. Mit »white fragility« kommt ein Begriff dazu, der noch aktiver zum Ausdruck bringt, dass wir es einfach nicht gebacken bekommen, uns mit uns selbst auseinander zu setzen. Aber es ist unsere Aufgabe.

DiAngelo erklärt, dass wir in unserer heutigen Auffassung der Welt recht schnell in die binäre Einteilung von »gut« und »böse« verfallen. Da gibt es eben auf der einen Seite die bösen Wutbürger*innen, die alle Flüchtlingsheime anzünden und rechte Parteien wählen. Das sind die Rassist*innen. Und auf der anderen Seite gibt es uns progressive Gutbürger*innen. Wir wollen niemandem etwas Böses. Wir erkennen uns in der Masse an den »I’m an ally«-Shirts. Wir haben verstanden, dass es Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die strukturell benachteiligt sind. Wir lesen Bücher von Schwarzen Aktivist*innen im Lesezirkel. Wir zeigen Solidarität auf Demonstrationen. An Weihnachten spenden wir Geld. Hier und da, ein weiteres Häkchen auf der Liste, die uns zu einem guten Menschen macht. Morgens schlüpfen wir dann in die frisch-gewaschene weiße Weste.

»Na, das stimmt so nicht!«

»Aber ich hab doch Freund*innen of Color.«

»Was ich auch tue, es ist nie genug.«

»Yea yea, I know. Can we continue now?«

Das ist White Fragility – die Unsichtbarmachung der eigenen Position in der Gesellschaft. Obwohl es gerade die weiße Position ist, die Auseinandersetzung, Kritik, Aufarbeitung, Reflexion benötigt. Und dabei geht es nicht darum, nicht genug zu tun, nicht solidarisch genug zu sein. Nein. Es geht darum, uns als Teil der White Supremacy zu erkennen. Rassismus ist das politische und ideologische System, in das wir hinein geboren wurden und in dem wir leben. Wir haben eine rassistische Weltanschauung und Vorurteile, die von staatlichen Autoritäten gestützt und von Institutionen kontrolliert werden. Die Ideologie sitzt tief verankert im Schulsystem, in der Politik, in Filmen, Werbung, Feiertagen, Sprichwörtern und allen Medien. Weiße Menschen genießen in diesem System immer Vorteile gegenüber People of Color. Und auch wenn du es manchmal nicht einfach hast, du hast es immer einfacher. 

Das beschreibt auch Alice Hasters in ihrem neuen Buch Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten: »Egal, ob du melancholisch, optimistisch, nachdenklich oder spontan bist, als weißer Mensch hast du eine gewisse Leichtigkeit. Du machst dir über bestimmte Dinge, um die mich sorge, einfach keine Gedanken.«

 

So erkennst du deine white fragility (Beispiele):

  • Dir ist der friedliche Umgang miteinander wichtiger, als die explizite Benennung von Alltagsrassismus.
  • Wenn dein Rassismus angeprangert wird, gehst du in Verteidigungshaltung.
  • Du siehst keine Farben.
  • Du glaubst, dass es gute und schlechte Menschen gibt – und du gehörst zu den guten.
  • Dein Mitwirken in anderen politischen Debatten ist dir wichtiger als das Thema Alltagsrassismus.
  • Du glaubst, Freund*innen oder Familie of Color zu haben, reicht als Aufarbeitung deiner Position.
  • Du bist “progressive” Feministin, aber der Begriff Intersektionalität ist dir neu.
    (Diese Liste ist frei aus dem Buch von DiAngelo übersetzt.)

 

Der Anker, der dieses Schiff so sicher im Hafen hält, heißt weiße Solidarität und entpuppt sich in diesem Zusammenhang als Rechtfertigung und Instandhaltung eines rassistischen Systems. Weiße Solidarität zeigt sich in ihrer Deutlichkeit am meisten in Alltagssituationen: Am Geburtstagstisch von Opa, am Stammtisch mit Freund*innen, am Arbeitsplatz. Wir bäumen uns nicht auf. Wir widersprechen nicht. Denn eine Benennung von Rassismus birgt die Gefahr, gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert zu werden. Solange wir uns weiterhin kollektiv einig sind, was nicht gesagt werden darf, solange wird sich am Status Quo auch nichts ändern. 

»And the expectation of ›white solidarity‹—white people will forbear from correcting each other’s racial missteps, to preserve the peace—makes genuine allyship elusive. White fragility holds racism in place.«— Robin DiAngelo, White Fragility

Ich möchte an dieser Stelle nicht in der Mitte stehen, mich drehen und mit dem Finger auf die zeigen, die schuldig sind. Viel mehr möchte ich auf mich selbst zielen. Der Spiegel, in den ich morgens schaue, zeigt ein weißes Gesicht. Die Wege, die ich jeden Tag frei gehe, die Entscheidungen, die ich selbstständig treffe und die Möglichkeiten, die ich habe, existieren, weil dieses Gesicht weiß ist. Uns muss klar sein, dass vor über 400 Jahren, die soziale Idee von race konstruiert wurde, um Vorteile für weiße Menschen zu legimatisieren und Ungleichheit zu kreieren. Weißsein wurde als der Standard definiert – alle die davon abweichen werden bis heute diskriminiert, verfolgt, versklavt, ausgenutzt, vertrieben, getötet. Über Jahrhunderte wurde ein soziales System von Rassismus geschaffen, dass sich selbst rechtfertigt und stärkt. Diesem System können wir nicht entkommen. Wir können nur unseren Platz in ihm erkennen.

»Kurz gesagt: Du bist rassistisch sozialisiert worden. So, wie viele Generationen vor Dir, seit über dreihundert Jahren.«— Tupoka Ogette, exit RACISM

Wir müssen aufhören, die Realität leugnen zu wollen, sondern im Gegenteil beginnen, sie konkret zu benennen. Der Anfang liegt in folgendem Satz: Ich weiß, dass ich weiß bin.

Natürlich wurde zu dem Thema auch schon viel mehr gesagt und geschrieben. Eine kleine Auswahl hauptsächlich deutscher Inhalte und Bücher findet ihr in der Liste unten – alles weitere gibt es bei einer Suchmaschine eurer Wahl.

Sendet uns gerne weitere Leseempfehlungen. Wir ergänzen die Liste stetig. Einfach eine E-Mail mit eurer Empfehlung an hello@trustthegirls.org.

»Guilt is not a response to anger; it is a response to one’s own actions or lack of action. If it leads to change then it can be useful, since it is then no longer guilt but the beginning of knowledge. Yet all too often, guilt is just another name for impotence, for defensiveness destructive of communication, it becomes a device to protect ignorance and the continuation of things the way they are, the ultimate protection for changelessness.« (Audre Lorde, 1981)