Weißt du, dass du weiß bist?

Wir sprechen zu wenig über weißen Feminismus. Und mit wir meine ich alle weißen, vermeintlich progressiven Feministinnen neben mir. Mit wir meine ich all diejenigen, mit denen ich schon in einem Lesezirkel gesessen habe, die ich bei Demos getroffen habe oder mit denen ich bei einem Bier Stokowski diskutiert habe. 

Immer wieder beobachte ich in meinem Umfeld einen entscheidenden Moment, in dem Feminismus weiß ist: Die Angst vor der Auseinandersetzung mit Rassismus und mit der eigenen Schuld. Wir sind einfach furchtbar schlecht darin, uns selbst an die Nase zu fassen – von der aktiven Sichtbarmachung von Rassismus im Alltag ganz zu schweigen. 

Dieser Moment zeigt sich in unterschiedlicher Intensität. Vom lässigen »Aber ich hab doch Freund*innen of Color«, über ein (extrem überflüssiges) »Ich sehe keine Farben«, hin zur Thematisierung von »augenscheinlich wichtigeren Themen« wie Sexismus und Klassismus, der Vermeidung von Konflikten, um den Frieden in unseren Bubbles zu wahren oder dem naiven Gedanken, dass man es doch gecheckt hat. 

Viele von uns weißen Feministinnen sehen Solidarität als T-Shirt, auf dem steht »I’m an ally«. Wir sind doch die guten Weißen, die die das Problem erkannt haben. Wir können doch nachvollziehen, reflektieren und haben auch schon einmal ein Buch von einer Schwarzen Aktivistin gelesen. Hm. Nö. Wir sind Teil von der White Supremacy – ob wir wollen oder nicht. Und als Teil dessen und als Teil von der Verarbeitung unseres Platzes in der Gesellschaft gehört es eben dazu, dass wir miteinander darüber sprechen und uns gegenseitig kritisieren. 

Es fehlt, dass wir uns gegenseitig offen kritisieren.
Es fehlt, die Selbstreflexion als Teil eines rassistischen Systems.

 

In einer Buch-Rezension von Robin DiAngelos Buch »White Fragility« im New Yorker lese ich: 

»And the expectation of ›white solidarity‹—white people will forbear from correcting each other’s racial missteps, to preserve the peace—makes genuine allyship elusive. White fragility holds racism in place.« 

(Weiße Solidarität – weiße Menschen korrigieren ihr rassistisches Verhalten gegenseitig nicht, um den Frieden zu wahren – macht echte Solidarität flüchtig. Weiße Zerbrechlichkeit hält Rassismus am Leben.)

Feministinnen of Color haben in dem Begriff »white feminism« schon seit Jahrzehnten einen Ausdruck gefunden, der das Ausblenden von Rassismus in weißen, feministischen Diskursen beschreibt und kritisiert. Und noch heute sind es hauptsächlich Feministinnen of Color, die auf Bühnen zum weißen Feminismus sprechen. Mit »White Fragility« kommt nun ein Begriff dazu, der noch aktiver zum Ausdruck bringt, dass wir es einfach nicht gebacken bekommen, uns mit uns selbst auseinander zu setzen. Aber es ist unsere Aufgabe. 

So erkennst du deine white fragility:

  • Dir ist der friedliche Umgang miteinander wichtiger, als die explizite Benennung von Alltagsrassismus.
  • Wenn dein Rassismus angeprangert wird, gehst du in Verteidigungshaltung.
  • Du siehst keine Farben.
  • Du glaubst, dass es gute und schlechte weiße Menschen gibt – und du gehörst zu den guten.
  • Dein Mitwirken in anderen politischen Debatten ist dir wichtiger als das Thema Rassismus.
  • Du glaubst, Freund*innen oder Familie of Color zu haben, reicht als Aufarbeitung.
  • Du bist “progressive” Feministin, aber weißt nichts mit dem Begriff Intersektionalität anzufangen.

 

Ich möchte hiermit definitiv nicht dazu aufrufen, dass sich wieder mal eine weiße Person auf eine Bühne stellt, um endlich zu einem Thema zu sprechen. Ich suche eher die Diskussionsgruppen und die Artikel zum Thema. Ich suche weiße Frauen, die ihre Schwäche, ihre Fehler, ihre Vergangenheit, ihre Beteiligung in einer Gesellschaft wie unserer hinterfragen und thematisieren. Und daraus dann vielleicht sogar nachhaltige Inhalte und Aktionen kreieren, die dem Feminismus von weißen Frauen ein neues Gesicht geben – eine intersektionale Philosophie, eine Kritik und Aufarbeitung von Strukturen, eine Anerkennung von Pluralität. 

Ich freue mich, von euch zu hören. 


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