TTG x #Female Pleasure

Die Autorin Edith Löhle hat für uns den Dokumentarfilm #Female Pleasure gesehen und ihre Gedanken zum Film aufgeschrieben.
(Spoiler-Alert/Trigger-Warnung: Konkrete Inhalte des Films werden thematisiert. Sensible Themen: Beschneidung, sexualisierte Gewalt)

Die globale Diffamierung des weiblichen Körpers

97 Minuten und 2 Sekunden. In dieser Zeitspanne lassen Mitgefühl und Trauer Tränen über meine Wangen fließen und der Zorn spaltet die Stirn in zwei Lager. Auf der einen Seite schreit die pure Wut und auf der anderen wird aus dem Aufschrei Hoffnung. Der Film #Female Pleasure macht betroffen, denn er führt einem schmerzhaft vor Augen, wovor wir sie so oft verschließen: dass Missbrauch von Frauen in all seinen hässlichen Gesichtern zum Alltag gehört. Weltweit. Vielleicht tut der Film einem so weh und versetzt einen am Ende in Tatendrang, weil die globalen Missstände im Umgang mit dem weiblichen Körper nicht durch reißerische Schlagzeilen oder namenlose und gesichtslose Zahlen dargestellt werden, sondern durch die Schicksale von fünf Frauen. Fünf Frauen wie du und ich. Damit ist es Filmemacherin Barbara Miller gelungen, ein Plädoyer für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung auf der ganzen Welt zu erschaffen.

Aber von vorne: Der Titel lässt vermuten, dass es in dem Dokumentarfilm um die weibliche Lust geht, dabei geht es vielmehr um die Dämonisierung dieser durch Religion, Tradition und Gesellschaft. Zu Beginn werden Kampagnen gezeigt, in denen Modemarken mit sexualisierter Gewalt gegen Frauen werben – ein kurzer Status Quo eines erschreckenden Frauenbildes. Das globale Problem will Regisseurin aber dann eindringlich mit ihren fünf Protagonistinnen erzählen. Sie entstammen unterschiedlichen Kulturen und Religionen, sie vereint aber der Kampf gegen sexuelle Unterdrückung. Schwerer Stoff, dessen Drehbuch die Realität schreibt.

»Warum quälen sie unsere Körper seit Jahrmillionen? Sie kontrollieren uns, verstümmeln uns,schlagen, vergewaltigen uns und geben uns danach die Schuld aufgrund unserer Geschlechts.Frauen werden ständig kritisiert … für ihre Sexualität, einfach für das Frausein.«— Leyla Hussein
Leyla Hussein / © X Verleih AG
Fünf Frauen, ein Anliegen

Leyla Hussein ist eine somalische Psychotherapeutin und soziale Aktivistin aus London. Mit sieben Jahren wurde sie beschnitten. Die traumatische Fremdbestimmung über ihren Körper ist ihre Motivation, aufzuklären und die schändliche Tradition der Genitalverstümmelung auf der ganzen Welt zu beenden. Mit ihrer Organisation Dahlia Project leitet sie mittlerweile Programme in zehn afrikanischen Ländern.

Deborah Feldman wurde jüdisch-orthodox in der Bronx erzogen und mit 17 Jahren verheiratet. Nachdem sie einen Sohn zur Welt brachte, war ihr klar, dass sie mit ihrem Kind die streng religiöse Glaubensgemeinschaft verlassen musste. Ihr Sohn sollte nicht mit dem gleichen Frauenbild und dem restriktiven Umgang mit Sexualität groß werden wie sie. Sie brach mit der Familie und floh. Bis heute muss sie deshalb um ihr Leben fürchten und erduldet öffentliche Diffamierung.

Manga-Künstlerin Meguma Igarashi kommt aus Japan und musste sich vor Gericht behaupten, weil sie unter ihrem Pseudonym Rokudenashiko einen 3-D-Print ihrer Vagina machte. Zehn bewaffnete Polizisten stürmten ihr Atelier und führten sie ab. Sie kämpft mit ihrer Kunst gegen den Widerspruch, dass die japanische Gesellschaft Pornografie zelebriert, das weibliche Sexualorgan aber verteufelt und ausblendet.

»Uns wird eingeimpft, dass man nicht über Sex spricht. Das Wort Vagina ist tabu. Ich war überrascht , wie viele Menschen Hassgefühle gegenüber der Vagina hegen.«— Meguma Igarashi

Meguma Igarashi / © X Verleih AG

Doris Wagner aus Deutschland verschrieb sich der katholischen Kirche und trat mit 19 Jahren in ein Ordenskloster ein. Die junge Nonne wurde dort mehrfach Opfer sexueller Übergriffe eines Priesters. Sie schwieg lange, litt und wandte sich schließlich an den Papst. Vergeblich kämpfte sie um ihr  Recht, floh ebenfalls und half sich dann selbst, indem sie ihre Geschichte im Buch Nicht mehr ich niederschrieb.

Vithika Yadav ist Inderin und hat sich als erstes Mitglied ihrer Familie ihren Ehemann selbst ausgesucht. Sie erzählt von einer Kultur, in der Mädchen und Frauen nicht nur verheiratet werden, sondern systematisch geschändet werden. Mit ihrer Organisation Love Matters macht sie sich für die geschlechtergerechte sexuelle Aufklärung in Indien stark.

»Frauen haben kein Recht auf ihren Körper. Sie haben kein Recht auf ihre Sexualität. Nur die Erwartungen anderer zählen. In Indien dreht sich Sex nur um die Bedürfnisse des Mannes.«— Vithika Yadav
Vithika Yadav / © X Verleih AG

Allesamt gestalten eine Zukunft, in der Frauen weltweit ihre Sexualität selbstbestimmt leben können – den weiten Weg dahin kann man nur bestreiten, in dem man archaisch-patriarchale Strukturen benennt und offen über seine Erlebnisse erzählt. Die Aufrichtigkeit von Leyla, Deborah, Meguma, Doris und Vithika laden ein, weiter zu denken. Fern von den Grenzen der eigenen Religion, Kultur und Herkunft. So mächtig die Gefühle auch sind, die der Film mit den persönlichen Schicksalen in einem hervorrufen, die Doku zieht die Zuschauerinnen und Zuschauer in die Verantwortung.

»Die Bibel ist ganz lange benutzt worden, um dieses Bild der Frau als Gefahr, als weniger wert, als Sünderin zu festigen und zu entwerfen.«— Doris Wagner

 #femalepleasure erwartet Transferleistungen

Meiner Meinung nach würde dem Werk eine Kontextualisierung, – wie am Anfang mit den frauenfeindlichen Werbebildern – ein Brückenschlag ins Hier und Jetzt, immer wieder mal gut tun: Es werden Verse aus Bibel, Thora oder Koran gezeigt und der Film erweckt den Eindruck, dass Religionen Ursprung allen Übels sind. Ohne Religion, keine Unterdrückung der Frau? So einfach ist es leider nicht. Zum einen wurden die Weltreligionen selbst missbraucht für patriarchale Strukturen und zum anderen findet die Fremdbestimmung über den Körper von Frauen leider auch in nicht-religiösen Gemeinschaften statt. Ebenso wenig kann man losgelöst allein Kultur und Tradition verantwortlich machen. Es wäre schließlich fatal, wenn bei Atheistinnen und Atheisten oder Europäerinnen und Europäern durch das Dokumentarstück ein Gefühl von »das betrifft mich ja nicht« entsteht. Denn: Man muss keine Frau in Indien sein, auch nicht afrikanische Rituale erlebt haben, weder Jüdin, Christin oder Muslima sein, um allgegenwärtigen Strukturen zu erkennen und zu hinterfragen.

Ich selbst bin mit dem Irrglauben erwachsen geworden, dass ich als weiße Christin aus Deutschland meine Sexualität ja wohl frei lebe – ah, reingefallen. Um so mehr Fragen ich gestellt habe, desto mehr Antworten habe ich zu unserer kollektiven Konditionierung bekommen.

Solange es im Biologie-Unterricht nur um die Fortpflanzung und sexuell übertragbare Krankheiten in Bezug auf Sexualität geht, das Wort Vulva in keinem der Aufklärungsbücher steht und Fotze und Muschi als Schimpfwörter gelten, solange kann man nicht von sexueller Gleichberechtigung sprechen. Solange sich Pornografie gewaltsam gegen Frauen richtet, solange Frauen als Sexobjekte oder gar als Ware gehandelt werden, solange Männer bessere Gehälter als Frauen bekommen – solange müssen wir alle hinschauen. Uns austauschen. Vor allem geschlechterübergreifend.

»In dieser Welt liegt so viel Druck auf den Frauen. Für die Männer heißt es: ›Du musst die Frau nicht verstehen, du musst ihr keine Lust bereiten, sie nicht unterstützen.‹ Wir sind alle Opfer dieser Botschaften. Man kann die Rollen von Männern und Frauen nicht trennen. Sie bedingen sich gegenseitig. Es kann nicht zuerst nur ein Geschlecht ändern, das ist Teamarbeit.«— Deborah Feldman

Die Schlüsselstelle des Filmes ist für mich, als Leyla Hussein bei ihrer Aufklärungsarbeit jungen männlichen Muslimen vor Augen führt, was eine Beschneidung an den Genitalien körperlich und seelisch tatsächlich anrichtet. Leyla hat dafür eine große bunte Vulva aus Knetmasse aufgestellt, mit einer großen Schere schneidet sie systematisch äußere und innere Schamlippen ab, dann die Klitoris. Mit Nadel und Faden zeigt sie, dass nach dem Nähen bei manchen Frauen nur noch ein kleines Loch übrig bleibt, und ein Leben mit Schmerzen und Scham. Die Jungs, die vor der plastischen Vorführung keine großen Bedenken gegenüber der Tradition hatten, sind jetzt geschockt. Manche weinen, andere sind wütend, andere schütteln fassungslos den Kopf. »Warum machen wir das? Das ist Folter«, lautet der Tenor. Diese Sequenz des Filmes hat mich hoffnungsvoll gestimmt. Das war die Stelle, an der mein Gesicht einen versöhnlichen Ausdruck annahm, weil Wandel zu spüren ist. Bewusstsein ist ein Motor für Veränderung. Man darf bei aller Kritik am System nicht vergessen: Es sind die Menschen, die über die Strukturen bestimmen, die über die Menschen bestimmen.

Von daher würde ich mir wünschen, dass #Female Pleasure nicht als Perle für feministische Kino-Gängerinnen und -Gänger gesehen wird, sondern als Weckruf für die gesamte Gesellschaft. Der Film soll im Unterricht gezeigt und erörtert werden, in Kulturstätten und im Fernsehen frei zugänglich für jede und jeden sein. Wenn wir uns nämlich alle laut die Frage stellen »Wie frei ist der Körper der Frau?«, können wir auch gemeinsam eine neue Antwort definieren.

#femalepleasureforall


Wir laden euch herzlich zu der Filmvorführung von #Female Pleasure am 10. November im Abaton Kino ein. Nach dem Film spricht Corinna Humuza mit der Regisseurin Barbara Miller. Tickets sind direkt im Abaton Kino oder online erhältlich.

Der Film startet am 08. November in ausgewählten deutschen Kinos. Mehr Informationen zum Film gibt es auf der Website.


Edith Löhle ist freie Autorin und Journalistin und war unter anderem als Features Editor/Chefautorin bei Refinery29.de tätig. Sie lebt in Berlin.