Tonje Thilesen Noga Erez

Noga Erez

Ich habe in den schrecklichsten Momenten Musik gemacht, für Menschen, die in diesen Momenten nicht unbedingt Musik hören wollten. Für Soldat*innen, die gerade dabei sind, sich auf eine Mission vorzubereiten. Die schlimmsten Erfahrungen als Performerin habe ich in meiner Zeit in der Armee gemacht.— Noga Erez

Photo Credit: Tonje Thilesen

Entgegen dem, was der Titel ihres Debuts OFF THE RADAR vermuten lässt, ist Noga Erez ganz und gar nicht »off the Radar« und schon erst recht nicht abseits des Radars feministischer Musikliebhaber*innen. Wenn man die in Tel Aviv geborene Erez unter pompöser Bass-Klarinette »I’m off the radar // Hear me, no one sees me, no one« singen hört, fragt man sich, worum es sich handeln mag: ist dies ein persönlicher Kampf um Anerkennung oder eine Anklage der eskapistischen Scheuklappen-Taktik, was die Geschehnisse in und um Israel angeht.

Über das Unsagbare, nicht immer Greifbare zu sprechen und darauf angesprochen zu werden, stört sie nicht. Vielmehr schafft Noga Erez eine Atmosphäre in ihrer Musik, ihren Videos und ihren Auftritten, die eher von Deutlichkeit lebt als von nebulösen Aufmachungen.

Wie ist es, in Tel Aviv aufzuwachsen? Es gibt Menschen, die behaupten, es sei eine Art »kulturelle Blase«. Würdest du dem zustimmen?

Ja, irgendwie schon. Es ist eine Blase. Wer es sich leisten kann, in Tel Aviv zu leben, hat ein ökonomisches Privileg, das viele nicht haben. Um hier leben zu können musst du entweder sehr hart arbeiten oder reich sein. Ich würde es aber lieber als eine kulturelle Brücke beschreiben, denn Tel Aviv ist für viele der Zugang zu all dem, was außerhalb Israels passiert. Die Stadt erlaubt uns eine ungeheure Art des Eskapismus – es ist vermutlich ähnlich wie in Berlin, oder in jeder Stadt, die viele gute Dinge anzubieten hat. Der Unterschied ist eben der, dass Tel Aviv von einem sehr, sehr verrückten Setting umgeben ist.

Ist Eskapismus denn essenzieller Teil deiner Musik? Auf mich wirkte sie zunächst sehr konfrontativ, sodass es mir schwerfiel, aus der Realität zu »flüchten«.

Ja, ich glaube die Spanne von Konfrontation zu Eskapismus ist sehr weit. Trotzdem, oder genau deswegen, versuche ich, meine Kunst, meine Musik, eigentlich alles, was ich tue, genau zwischen diesen Einheiten zu verorten. Ich mache Musik, die Themen berührt, die keinen Spaß machen. Nicht einfach zu konsumieren, kein Idealisieren der Realität. Ich spreche genau über das, was passiert. Gleichzeitig hat Musik eben diese Fähigkeit, den zuhörenden Menschen einen Moment der Flucht zu ermöglichen. Wenn wir jetzt nur von Musik ausgehen, von dem reinen Sound, dann kann dich das allein schon in eine Atmosphäre bringen, in der du ganz seicht einfach nur Ankommen kannst: Eintauchen, Einswerden. Das ist etwas, das ich zum Eskapismus beitragen kann. Ich glaube nicht, dass sich das widersprechen muss. Es kann koexistieren, es kann sich zur selben Zeit abspielen. Und ich glaube, Künstler*innen, die dieses Spektrum beherrschen, machen jene Arbeiten, die ich am meisten schätze. Das sind dann meistens auch die Arbeiten, die für mich einen Prozess angestoßen haben – das hat für mich immer etwas mit diesem »Gegensatz« zu tun. Wenn ich zum Beispiel einen Film anschaue, der super konfrontativ ist und mich total einnimmt, und ich erst nach einer Weile merke, dass da zusätzlich eine total positive Message dahinter steckt, dann ist das weit komplexer als das reine Entweder/Oder. Dieser Prozess zeigt mir, welchen Zugang ich zu meiner und anderer Kunst haben möchte.

Und würdest du sagen, dass …

Sind das deine echten Wimpern?!

Nee 

Woooow.

Ich habe mir selber Eyelash-Extensions angebracht, weil das einfach super teuer ist und ich mir das gerade nicht gönnen kann.

Sieht total natürlich aus! Voll schön!

(sichtlich gerührt) Würdest du sagen, dass die Umstände, unter denen du aufgewachsen bist, eher privilegiert waren? 

Sehr. Sehr, sehr privilegiert. Meine Familie und insbesondere meine Eltern sind so unglaublich sensible, kluge Menschen. Sie gaben mir die Basis für alles, für die Neugierde, mit der ich der Welt begegnen kann, die Kreativität. Das ist die eine Sache, bei der ich wirklich Glück hatte. Zum anderen sind das die Umstände, unter denen ich aufwachsen durfte. Ökonomisch und geopolitisch gesprochen, waren wir auf der privilegierteren Seite. Auch wenn ich aus einem Land komme, das viele Konflikte beherbergt und austrägt: Ich hatte und habe immer die Möglichkeit und den Luxus, zu entscheiden, ob ich diesen Umstand gerade einen Teil meines Lebens werden lassen möchte und wann ich das nicht möchte. Wenn du nicht nahe der israelischen Grenze lebst, sondern weiter im Inland, dann kannst du das echt manchmal vergessen. Und das ist Luxus, eine Option zu haben. Ich habe mich nicht immer dafür entschieden.

Die traditionelle Electronic-Dance-Music(EDM)- oder Elektropop-Szene ist normalerweise nicht wirklich der Raum für politische Diskurse. Warum hast du dich dazu entschieden, beides miteinander zu vereinen?

Ich sehe mich nicht wirklich als Teil der EDM- oder Elektropop-Szene. Manchmal muss ich die Musik, die ich mache, definieren. Als mein Album OFF THE RADAR erschien, wurde ich dauernd dazu angehalten, mich zwischen verschiedenen Genres zu entscheiden. Ich kann mich aber nicht zwischen den von uns konstruierten Definitionen entscheiden, und um ehrlich zu sein will ich das auch einfach nicht. Also habe ich die Beschreibung gewählt, die letztlich die Klangqualität der Musik erklärt. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich meine Musik nie in Genres beschreiben. Ich glaube man kann sagen, dass sie einen Hauch Realismus in sich trägt, ähnlich der Rock- oder Hip-Hop-Szene. Außerdem schafft sie eine Atmosphäre, die man manchmal im Elektropop findet. Ich würde jedoch sagen, dass wir nicht mehr in einer Welt leben, in der Definitionen so wichtig sein sollten. Klar, für manche ist es wichtig, Dinge zu kategorisieren, um sie zu verstehen. Aber dann denke ich mir oft auch einfach: Vergiss doch die Kategorien und hör es dir an, vergiss, worunter es gelabelt wurde.

Einige deiner Einflüsse sind Kendrick Lamar, Flying Lotus, M.I.A.. Wer davon beeinflusst dich in welcher Weise?

Es ist schwer, diese Eindrücke zu trennen. Wenn du dir jeden der Künstler*innen anschaust, erkennst du aber, was davon ich mit einfließen lasse. Etwas von dem Sound und der Art und Weise wie Flying Lotus Musik produziert, hat wahrscheinlich eine größere Verbindung zu dem, was und wie ich es mache. Lyrisch wurde ich definitiv von Kendrick Lamar inspiriert. Die Bedeutsamkeit, die ich in meine Musik lege, habe ich zu Teilen auch von M.I.A. oder Princess Nokia gelernt. Die Feminität und die Art und Weise, wie ich mich als Frau ausdrücke, ist offensichtlich durch weibliche Künstler*innen geprägt. Politische Themen zu bearbeiten, ist von PJ Harvey beeinflusst. Ich lasse mich auch viel von nicht-musikalischen Künstler*innen inspirieren. Besonders die visuelle Welt, die ich versuche zu kreieren, ist, genauso wie alles andere, von Kunst beeinflusst, die gar nichts mit Musik zu tun hat. Eventuell sind alle Einflüsse, die uns berühren, die große Summe dessen, was dich ausmacht. Künstler*in sein bedeutet für mich oft auch einfach ein Mix von allen unseren Lieblingseinflüssen zu sein.

Ich habe mich gefragt, ob du schon immer so »geraderaus« warst, oder ob das etwas ist, dass du durch den Prozess, Musik zu machen, gelernt hast.

Ein großer Teil der israelischen Mentalität, und speziell der Mentalität meiner Familie, beschreibt genau das: Austausch anregen, politische Themen besprechen, einander konfrontieren, miteinander diskutieren und sogar darüber streiten. Ich habe mich dauernd mit meinen Geschwistern und meinen Eltern gestritten. Ständig hörte ich sie streiten, auch wenn sie eigentlich meistens einer Meinung waren. Ich habe immer zugehört, wenn Menschen ihre Meinungen kundgetan haben – oft waren diese extrem gegensätzlich. Deswegen glaube ich, so zu sein und mich so auszudrücken ist einfach Teil meiner Sprache. Das bin ich, in einer sehr straighten Art. Während ich solche politischen Themen behandle, lerne ich auch, zugeben zu müssen, wenn ich nicht genug über etwas weiß. Um über spezifische Dinge zu sprechen, muss man sehr viel Wissen über die Komplexität der Situation haben. Deswegen gab es Punkte, an denen ich merkte, dass da für mich einfach Schluss ist. Ich muss mich nicht immer äußern, vor allem wenn ich nicht genug darüber weiß. Alles, was ich in Interviews und durch meine Musik zum Ausdruck bringe, ist nur ein sehr kleiner Prozentsatz von dem, was ich über bestimmte Themen denke. Und dennoch – ich habe immer noch den Drang, auch über Dinge zu sprechen, die ich nur teilweise verstehe. Um sie vielleicht doch irgendwann greifen zu können.

© Tonje Thilesen
© Tonje Thilesen

Du hast mal gesagt, dass deine Musik für dich eher eine Konversation mit dir selbst darstellt. Was sind die inneren Konflikte, die du dort austrägst?

Genau das, womit du dieses Interview begonnen hast. Du hast gefragt, ob ich mich und meine Umstände als privilegiert empfinde. Ich glaube, das ist eine sehr wichtige Frage, weil es zuerst einmal super wichtig ist, dass Menschen ihre Privilegien verstehen. Allein der Fakt, dass wir uns jetzt hier an einem sehr friedlichen Ort unterhalten können, dass wir keiner Bedrohung ausgeliefert sind, muss und sollte anerkannt werden. Zu verstehen, wie deine Umstände sind und sie mit Lebensumständen anderer zu vergleichen, die beispielsweise gerade die sehr reale Bedrohung ihrer körperlichen Unversehrtheit zu spüren bekommen. So erkennt man eigene Privilegien an. Auch da gibt es so viele unterschiedliche Beispiele von Bedrohungsszenarien. Für manche Menschen stellt sich die Frage: Wie komme ich an meine nächste Mahlzeit?, für andere liegt die Bedrohung nicht mehr auf der nächsten Mahlzeit, sondern ganz direkt auf der eigenen Sicherheit. Das ist wieder ein weites Spektrum, und wir sind definitiv gerade auf der guten Seite. Auch wenn man an die Umstände denkt, aus denen ich komme. Da gibt es immer einen inneren Konflikt. Ich weiß, dass ich den Konflikt, in dem Israel sich befindet, speziell wenn es um Westbank und Gaza geht, von der privilegierten Seite aus betrachten kann. Das ist ein Fakt, über den wir nicht streiten können. Wir könnten darüber diskutieren, wer im Recht ist, wer Schuld trägt. Wer stärker, wer schwächer ist. Aber du kannst niemals, niemals darüber diskutieren, wer auf der privilegierteren Seite ist, wenn es um Israel und Gaza geht. Das ist eine Erkenntnis, die mich immer wieder mit mir selbst konfrontiert. Wie sehr nutze ich meine Privilegien, um die Dinge zu ändern? Wie sehr interessiere ich mich wirklich dafür, Dinge zu ändern? Und um komplett ehrlich zu sein, das ist oft etwas, was mich wachhält: Ich glaube, mich für etwas zu interessieren, einfach weil ich es sollte. Doch dabei berührt es mich vielleicht gar nicht wirklich.

Viele Menschen nehmen dich als sehr mutig wahr. Würdest du diese Auffassung deiner Person manchmal gerne ändern?

Ich weiß gar nicht wirklich warum ich als mutig wahrgenommen werde. Es ist nicht so, dass Meinungsäußerung dich in Israel in lebensbedrohliche Situationen bringt. Würde ich aus der Türkei kommen, und wissen, dass ich, sobald ich einen Fuß zurück nach Istanbul setze, ins Gefängnis kommen oder boykottiert werden könnte – dann wäre das schon anders. Aber das passiert so in Israel nicht, Israel ist eine Demokratie. Im Moment noch eine sehr, sehr freie Demokratie. Das heißt nicht, dass diese Freiheit nicht gerade durch aufkommenden Nationalismus bedroht werden würde. Aber zurzeit ist es mir möglich, meine Meinung ungehindert zu äußern – die einzige Konsequenz ist die, dass Menschen mich oder meine Musik nicht mögen. Und das ist nicht mutig. Es wird immer Menschen geben, die dich nicht mögen oder gar hassen.

Du hast als Musikerin für das israelische Militär gedient. Wie war das?

Gemischte Gefühle! Wenn du in Israel lebst, musst du zum Militär gehen. Wenn du dich nicht meldest, würdest du für ungefähr dieselbe Zeit ins Gefängnis kommen. Irgendwie ist es auch eine kulturelle Sache: dieses Bewusstsein, dass es Soldat*innen gibt, die dein Leben und deine Unversehrtheit beschützen, also solltest du auch deinen Teil dazu beitragen. Trotzdem verwirrt mich die Tatsache, dass ich mal für die israelische Armee gedient habe bis heute. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Israel nicht ohne seine Armee existieren könnte. Ernsthaft – Israel ist in seiner Existenz bedroht. Gleichzeitig möchte ich wirklich kein Teil von etwas sein, das mit Dingen assoziiert wird, wie auch du sie jetzt vermutlich assoziierst. Da liegt also definitiv ein Konflikt vor. In dieser Geschichte als Musikerin zu dienen, ist natürlich auch ein großes Privileg. Üblicherweise werden dir bei der Armee Aufgaben zugeteilt. Wenn du wie ich Glück hast, oder für besonders talentiert befunden wirst, dann darfst du das tun, was du eh schon machst. In meinem Fall hieß das also, dass ich als Musikerin arbeiten durfte, dass ich andere Musiker*innen kennenlernen konnte, etc. Dadurch habe ich auch erst wirklich für mich beschlossen, dass ich nach meinem Dienst eine Musikkarriere anstrebe. Ich habe in den schrecklichsten Momenten Musik gemacht, für Menschen, die in diesen Momenten nicht unbedingt Musik hören wollten. Für Soldat*innen, die gerade dabei sind, sich auf eine Mission vorzubereiten. Die schlimmsten Erfahrungen als Performerin habe ich in meiner Zeit in der Armee gemacht. Da gab es alles. Von Menschen, die mir einfach gar keine Aufmerksamkeit geschenkt haben, bis hin zu Menschen, die »Schmeißt sie endlich von der Bühne!«, brüllten. Und ich würde dafür niemanden verurteilen. Du wirst in wahnsinnig gefährliche Situationen gebracht, Situationen, die du niemals mit Unterhaltung verbinden können wirst. Das ist für mich ein Format, das nicht funktioniert. Irgendwie total surreal. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mir als Performerin nie mehr wirklich Schlimmeres passieren kann. Wenn ich also jetzt in einem Club spiele und fast niemand zu dem Gig kommt … Das passiert halt manchmal. Aber man macht weiter, spielt seine Show, für die zehn Menschen, die extra für dich gekommen sind und es richtig genießen – und das ist so viel besser als all das, was ich als Musikerin im Militär erlebt habe.

Ihr Debut OFF THE RADAR ist am 2. Juni 2018 bei dem Label City Slang erschienen.

www.nogaerez.com


Interview von Lena Grehl.

Lena Grehl wurde 1995 in Berlin geboren und lebt und arbeitet hier als freie Autorin, Redakteurin und Regisseurin. Sie ist besonders fasziniert von Dingen, die von männlichen Mitstreitern dominiert und oft in schriftlicher Form festgehalten werden: Sozialwissenschaften, Journalismus und Hip Hop.