TTG x Pop-Kultur 2018

But I won’t change anything.     Unless I change my racist self.     It’s a privilege,     it’s a background.     It’s everything that I own.     It’s thinking I’m the hero of this pretty white song.     It’s thinking I’m the hero of this pretty white world.— Heavens to Betsy »White Girl«

Feminismus wurde im deutschsprachigen Raum wahrscheinlich das erste Mal wirklich zum gesellschaftlich relevanten Thema von Popkultur, als die Riot Grrrls der 90er Jahre ihren Männerhass in die Welt hinausrotzten. Damit wurde die Auseinandersetzung mit den Unterdrückungsmechanismen der Gesellschaft auf einem niedrigschwelligen Niveau für den weißen Mainstream konsumierbar. Eine Auseinandersetzung, die seitdem zwar weiterhin fester Bestandteil von popkulturellen Diskursen ist, allerdings in großen Formaten zu oft ohne die Stimme der Ungehörten stattfindet. (Wie dieser sehr alte Song von Heavens to Betsy schon damals reflektiert.) Warum sich aus einer weißen, gemütlichen Blase hinausbewegen? Das ist ja anstrengend. Das erfordert ja ein Hinterfragen der eigenen Privilegien, das Überarbeiten der eigenen internen Strukturen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zusammenhängen. Und sowieso … man kennt ja gar nicht so viele Frauen, so viele Musikerinnen, so viele Produzentinnen, Technikerinnen oder Moderatorinnen …
TRUST THE GIRLS sucht in der deutschen Festivallandschaft nach den wenigen Großveranstaltungen mit feministischem und gleichzeitig intersektionalem Anspruch. Nach den Festivals, die eben nicht nur auf eine gleichberechtigte Verteilung der Bühnenzeit achten, sondern auch ihre internen Strukturen divers aufstellen.

Das Pop-Kultur Festival in Berlin möchte einen diskursiven Raum für Popkultur schaffen, »in dem diese reflektiert, kontextualisiert und gefeiert wird. [Pop-Kultur steht] für einen interdisziplinären Austausch, der auch wissenschaftliche Diskurse einschließt.« Auch dieses Jahr hat sich das Pop-Kultur Festival wieder Internationalität und geschlechtliche Diversität auf die Fahne geschrieben. Zum zweiten Mal in der Kulturbrauerei (und im vierten Jahr) in Berlin finden über 70 Konzerte, DJ-Sets, Ausstellungen, Installationen, Talks und Filme vom 15.-17. August ein temporäres Zuhause.

Wir stellen euch hier unsere musikalischen Highlights vor. Desweiteren möchten wir auf verschiedene Diskursformate im Programm sowie auf das queere Festival im Festival, Pop-Hayat, hinweisen.

 

MUSIK

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Von Naomi Campbell für die Vogue zu »1 of 10 women changing our future« ausgewählt, hat Flohio aka. Funmi Ohiosumah nicht nur die Presse auf sich aufmerksam gemacht. Die 25-Jährige MC aus Süd-London kombiniert in ihrer Musik die derbe, lyrische Rap-Schnauze Londons mit pumpenden Beats — und war selbstredend auch schon im heiligen COLORS-Kasten zu Besuch. We like!

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Wenn sie eine Pflanze sein könnte, wäre sie am liebsten Unkraut, das überall wächst, erzählte die 22-Jährige letztes Jahr in einem Interview mit dem Missy Magazine. Sympathisch wie ihre tiefe Säuselstimme, ihre deepen Texten und smoothen Gitarrenriffs ist auch, dass sie 2017 gemeinsam mit ihrer Schwester das Kreativprojekt Artists in Transit gründete, bei welchem die beiden Kreativworkshops für Geflüchtete in Griechenland gaben.

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Noga Erez ist kein Sunshine. Nein. Sie hat Bad Habits. Klar. Die in Tel-Aviv lebende Musikerin nimmt »ins Auge, was sonst gerne übersehen wird. Sexualisierte Gewalt, die politische Situation ihres Heimatlandes und die ungehörten Stimmen einer Generation, die nicht mehr tatenlos zusehen möchte sind Themen, die Erez mit einem gleichermaßen kargen wie maximalistischen Club-Sound kontrastiert«, schreibt Pop-Kultur. Wir freuen uns auf ehrliche Wut, ehrliche Worte, ehrlichen Dirty Pop.

I’m no one but who the fuck are you?

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(Die Stellungnahme der Festival-Leiterin Katja Lucker zu den Boykottaufrufen der israelfeindlichen BDS-Bewegung kann im Deutschlandfunk-Interview nachgehört werden.)

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Die französische Schauspielerin und Sängerin Valerie Renay hat 2016 mit ihrem ersten Solo-Track »Living in Germany« mindestens in Berlin ein wenig für Furore gesorgt.

Living in Germany / I feel so free in Germany / Berlin is poor but so sexy / I love my job but work for free / I don’t complain, it’s Germany

Ihr eigens für ihre Musik definiertes Genre visceral electronic neo punk lässt Schlussfolgerungen auf ihren künstlerischen Anspruch zu, die nicht enttäuschen.

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Die deutsche, in Wien wohnhafte Rapperin Ebru Düzgün möchte man gern für mindestens einen Sambuca auf der Straße treffen. Im Rap-Game ist sie die feministische, queere und mutige Antwort auf alles, was nach Patriarchat riecht.

Zusammen mit Slimgirl Fat (Nala Karacagil) und Produzent walter p99 arke$tra (Jonas Braun) gehört sie außerdem der Band Gaddafi Gals an und schafft somit nicht nur im Rap, sondern auch im R’n’B einen provokativen, zeitgenössischen Fila-Fußabdruck.

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Oy ist das Elektro-Pop-Duo um Sängerin Joy Frempong und Schlagzeuger Marcel Blatti aka »Lleluja-Ha«. Was zunächst als Solo-Projekt von Joy Frempong begann, führte schließlich gemeinsam mit Marcel Blatti zu dem Konzeptalbum »Space Diaspora«. Dieses entführt uns auf einen Planeten, auf dem eine erleuchtete Menschheit zu Hause ist. »Eine Gruppe von Menschen, die aus ihren vergangenen Fehlern gelernt und sich von sämtlichen alten Konstrukten befreit hat.« (SRF) Tanzbare Utopie.

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POP-HAYAT

Unsere liebe Freundin, DJ, Moderatorin, Aktivistin und Veranstalterin Yesim Duman kuratiert dieses Jahr den Programmpunkt »Pop-Hayat«, der sich queerer Clubkultur und postmigrantischem Diskurs widmet.

»Es geht darum Machtstrukturen aufzugreifen, Geschlechterrollen zu thematisieren, queere Artists of Color auf die Bühne zu holen und somit queere Positionen sichtbar zu machen. Ich glaube daran, dass sich dadurch das Publikum vermischt und auch Vorurteile aufgelöst werden können. Es geht jedoch auch darum die homogenen Strukturen nach Innen zu verändern. Es fällt auf, dass gerade auf Festivals das Booking teils divers ist, aber die Strukturen im Inneren nicht. Das sollte mehr thematisiert werden.«, sagt Yesim Duran in einem Interview mit renk.

FILM

Der Dokumentarfilm Silvana erzählt von der gleichnamigen schwedischen Rapperin, die sich im Jahr 2014 mit ihren Lyrics dem aufkeimenden Nationalismus in Schweden entgegenstellte. Als lesbische Feministin und Tochter Zugezogener ist sie ein Dorn im Auge des Rechtspopulismus. Der Film zeigt ihre sehr persönliche Sicht auf einen im Rampenlicht ausgetragenen Konflikt, der sich auch auf ihr Privatleben auswirkt.

TALK

In drei unterschiedlichen Talk-Sessions holt sich Yesim Duman die Musikerin Lady Bitch Ray, die Schriftstellerin Fatma Aydemir, die Rapperin Ebow, die Journalistin Hengameh Yaghoobifarah sowie die Künstlerin, Produzentin, Veranstalterin und DJ Neda Sanai alias Nedalot auf die Bühne, um Themen wie queere Clubkultur, die Sichtbarkeit und Sicherheit von Künstlerinnen*, Gleichberechtigung, monetäre und interne Strukturen zu hinterfragen.

Der Talk 15.08.2018 / 21.20 – 22.00 mit F. Aydemir, Lady Bitch Ray und Y. Duman
»Gemeinsam mit Pop-Hayat-Kuratorin Yeşim Duman sprechen Şahin und Aydemir im Auftakt-Talk von Pop-Hayat über die Sprache von Rap und Rap als Sprache, vor allem aber unbequeme Zustände — im Rap, der Literatur und weit darüber hinaus.« Weiterlesen

Let’s talk about gender, canım 16.08.2018 / 19.00 – 19.40 mit Ebow, H. Yaghoobifarah und Y. Duman
»Die Popkultur wird nur allzu gerne als emanzipatorische Errungenschaft verkauft, die uns zusammenbringen soll und gesellschaftlichen Bewegungen Ausdruck verleiht. Dabei sind kulturelle Aneignung, Whitewashing, Exklusion und Sexismus bis heute die Regel, nicht die Ausnahme im Biz und Diskurs. Wer erhält also Zugang und Credit? Wer Akzeptanz, Reichweite und – eben auch – Geld?« Weiterlesen

Çayquiri zum Selbermachen – ein Talk über queere Clubkultur 17.08.2018 / 20:35 – 21:00 mit H. Yaghoobifarah, N. Sanai und Y. Duman
» … über aktuelle Clubpolitiken in Hinsicht auf class, raceund gender ebenso wie über das Interesse eines cisheterosexuellen Mainstreams für queere Partykultur und wie sich auf  dem Dancefloor zwischen Sichtbarkeit und Sicherheit vermitteln lässt.« Weiterlesen

WORKSHOP

Im Rahmen des Pop-Kultur Nachwuchs-Programms werden feministische Themen unter anderem in folgenden Workshops behandelt:

Andrra & Balbina »Wie viel Ich erlaubt der Mainstream?«

Lady Bitch Ray »Klit-Rap-Hayat«

Caren Miesenberger »Über ~ feministische memes™~ oder sowas lol«

WEITERE TALKS

Private Armies and Bad Behaviour 16.08.2018 / 20.00 – 21.00 mit Vivien Goldman, Kat Frankie und Christina Mohr
»Wenn Vivien Goldman und Kat Frankie etwas gemein haben, dann ist das ein Problem. Eines mit dem Status Quo um genau zu sein.« Weiterlesen

Boycott 15.08.2018 / 20.00 – 21.00 mit Lizzie Doron, Klaus Lederer und Shelly Kupferberg
»Der soziale, kulturelle und politische Akt des Boykotts ist ein wiederkehrendes Motiv im Leben der in Tel Aviv und Berlin lebenden israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron. Ihr letztes Buch »Sweet Occupation« widmet sich der palästinensisch-israelischen Graswurzel-Bewegung Combatants for Peace und ist bis dato nur auf Deutsch erschienen – nicht aber in seiner Originalsprache Hebräisch oder etwa auf Englisch und Französisch.« Weiterlesen

WEITERE MUSIK-HIGHLIGHTS

Ms Banks

Haiyti

Neneh Cherry

Dives

 

Unsere Highlights findet ihr auch auf Spotify:

Wir freuen uns, euch beim Pop-Kultur Festival zu sehen.
Tickets gibt es noch hier oder immer an der Abendkasse.