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Inklusion im Museum

Ungleicher könnten die sechs Frauen nicht sein, die zu regelmäßigen Treffen im Kunstverein Neue Gesellschaft für Bildende Kunst zusammenkommen. Mal sind sie von weitem schon zu hören, mal ruhig in ihre Arbeit vertieft. Der Austausch, ob verbal, geschrieben, gelormt oder gebärdet steht bei ihnen im Mittelpunkt und das merkt Mensch auch. Die Kunstvermittlungsstipendiatin Stefanie Wiens ist dabei oft Dreh- und Angelpunkt der Treffen hinter den Kulissen. Doch nur solange das Team unter sich ist. Sobald ein*e Besucher*in an einer Vermittlungsaktion in den verschiedenen Ausstellungen teilnimmt, verschieben sich die Verhältnisse. Stefanie Wiens möchte Platz machen für neue Perspektiven auf Kunst. Diese wird bei »Platz da!« von Künstlerinnen, Lyrikerinnen und Sprachexpertinnen mit »Behinderung« vermittelt.

interview
Warum machst Du »Platz da!«?

Meine Eltern arbeiten beide mit Menschen mit »Behinderung« – hier muss ich kurz einwerfen, dass ich diese Kategorie an sich schon als konstruiert ansehe, somit bin ich aber mit einer inklusiven Brille aufgewachsen und dieses Interesse zieht sich als roter Faden durch mein bisheriges Leben. Ich habe schnell gemerkt, dass nicht nur das Merkmal der »Behinderung«, sondern viele andere Schubladen, in die Menschen einsortiert werden, unzulänglich und diskriminierend sind. Genauso wie das Konzept der Integration, welches die Anpassung der Menschen an eine Mehrheitsgesellschaft fordert. Da kann ich mit dem Konzept der Inklusion, welches fälschlicherweise oft nur mit Menschen mit »Behinderung« verbunden wird, besser mitgehen: Alle Menschen sind so wie sie sind Teil der Gesellschaft. Spätestens in meiner Forschungsarbeit wurde mir dann klar, dass die Welt nur gerechter wird, wenn privilegierte Menschen der sogenannten Mehrheitsgesellschaft ihren Platz für Andere frei machen. Deshalb habe ich meine privilegierten Möglichkeiten genutzt, das Stipendium bekommen und gebe nun genau diesen Platz als Kunstvermittlerin weiter.

Ist Vermittlung nicht eigentlich per se eine eher inklusive Arbeit? Warum setzt Du genau hier an?

Meine Arbeit begann in der Institution Museum, wo ich selbst in der Kunstvermittlung arbeitete. Mir wurde schnell klar, dass Kunstvermittlung bzw. das Vermitteln von Kunst eine Machtposition ist, die einerseits Menschen ausschließen kann und die andererseits einer der wichtigsten Berührungspunkte mit den Besucher*innen und somit auch die Repräsentation des Museums nach außen ist. Die Vermittler*innen sind meist weiße heterosexuelle Frauen ohne sichtbare Behinderung und genau hier möchte ich mit »Platz da!« ansetzten: beim Personal. Durch Kunstvermittler*innen mit verschiedenen Merkmalen, die in ihrer Position Kunstinstitutionen nach außen repräsentieren, wird die Betrachtung von Kunst so vielfältig wie die Menschen selbst und damit spannender. Das das funktionieren kann, zeigt ein Projekt in einem ganz anderen Bereich: Menschen mit Lernschwierigkeiten geben Führungen in der Ausstellung der Euthanasie-Gedenkstätte in Brandenburg an der Havel. Solche ersten Projekte zeigen, dass wir auf dem Weg zu einer so dringend notwendigen Diversifizierung von (Kultur-)institutionen schrittweise vorankommen. Wenig berührt bleibt davon zunächst das Programm, also die zum Beispiel im Museum ausgewählten Ausstellungsthemen und Objekte, die dort präsentiert werden. Insbesondere im Kunstmuseum fängt Machtausübung ja schon bei der Auswahl derjenigen Künstler*innen an, deren Werke es ins Museum schaffen oder nicht, aber das würde uns jetzt an dieser Stelle zu weit führen.

Du setzt »Platz da!« in einer Kulturinstitution um. Wie kam es dazu und warum genau dort?

Der Grund warum ich diese ausgewählt habe sind die ausschließenden Strukturen in vielen Kultureinrichtungen. Personaler*innen sind häufig Personaler, also männlich, weiß, heterosexuell und stellen entsprechend ein. Diversität im Personal ist also nicht vorhanden. Explizit im Museum fehlt es da an strukturellem Wandel. Vor allem da das Museum als öffentlich geförderte Einrichtung einen offiziellen Bildungsauftrag hat, darf es nicht nur einen Teil der Bevölkerung ansprechen.

Du sprichst von Frauen mit dem Merkmal »Behinderung« als konstruierte Kategorie. Wie bist du zu diesem Team gekommen und wer sind diese Frauen?

Das ist eine der häufigsten Fragen, die ich zu dem Projekt gestellt bekomme. Wenn die männliche Form den Sprachgebrauch noch vieler Menschen dominiert, scheint das weniger aufzufallen als eine Gruppe, die explizit nur aus Frauen besteht. Mir ging es um die Verbindung »Frau« und »Behinderung« und damit um eine intersektionale Perspektive. Für »Platz da!« in seiner jetzigen Phase, also dem Pilotprojekt, habe ich mich in der Auswahl auf Frauen beschränkt, die ich bereits kannte. Frauen von denen ich hören wollte wie sie Kunst erfahren. Das sind Lyrikerinnen, Bloggerinnen und Künstlerinnen. In behindertenspezifischen Kategorien gedacht sind es eine blinde, taubblinde, taube und kleinwüchsige Frau. Außerdem eine Frau mit Lernschwierigkeiten.

Was siehst du als besonders an in der Verbindung von den Merkmalen »Frau« und »Behinderung«?

Beide Kategorien führen häufig zum Ausschluss. Auch oft in den Debatten, die die Menschen direkt betrifft. Nicht immer werden Veranstaltungen, beispielsweise rund um den Feminismus, barrierefrei geplant. Und selbst wenn Zugang zu Veranstaltungsorten möglich ist, heißt das nicht dass alle den oft akademischen Ausführungen folgen können. Das finde ich schade, da gerade Frauen mit Lernschwierigkeiten viel mit zu diskutieren hätten. Denn viele leben in Wohneinrichtungen und sind oft von sexualisierter Gewalt und Übergriffen betroffen.

»Platz da!« läuft seit Januar 2017. Was sind deine Erfahrungen nach den ersten Monaten des Pilots?

Ich habe viele Schätze und viele Stolpersteine gefunden. Die Berührungsängste der Besucherinnen sind manchmal eine Hürde. Oft sind es auch Barrieren in der Kunst selber: Konzeptkunst ist zum Beispiel nicht immer leicht in Leichte Sprache zu übersetzen. Der haptische Zugang zu Kunst ist für unsere blinde und taubblinde Vermittlerin häufig nicht gegeben. Mir ist klar, dass Kunst bewahrt werden will, aber für unsere Vermittlerinnen ist die Berührung manchmal der Einzige sinnliche Zugang. Dieser ist extrem wichtig denn man braucht ihn um die Kunst am Ende Besucher*innen vermitteln zu können. Ein großer Schatz ist das inklusive Miteinander in der Gruppe. Nach meinen bisherigen Erfahrungen ist inklusives Arbeiten immer bereichernd – für Alle! Alles wird langsamer, bewusster und intensiver. Die Begegnungen, die zwischen Kunst, Besucher*innen und Vermittlerinnen stattfinden sind unglaublich fruchtbar. Wenn der Dialog eröffnet ist und alle sich darauf einlassen, dann ist er extrem nachhaltig. Hier findet nicht nur Kunstvermittlung statt, sondern auch Sensibilisierung. Auch innerhalb der Institution verändert »Platz da!« etwas: Wir artikulieren Bedürfnisse und setzte Dinge aufs Tableau, die vorher nicht mitgedacht wurden. Fehlende Barrierefreiheit wird sichtbar. Die Vermittlerinnen nehmen inzwischen oft ganz ohne mich an Projekten der Gruppen teil und bringen sich bei Kurator*innen und Künstler*innen ein.

Das Stipendium läuft noch bis Ende des Jahres. Wie geht es danach weiter?

Das Stipendium ist toll um zu sehen dass die Grundidee funktioniert und um Erfahrungen zu sammeln, aber es soll auf jeden Fall weitergehen. Jedoch braucht es dafür andere Rahmenbedingungen und damit meine ich vor allem mehr Geld für Honorare und Materialien. Vor kurzem haben wir das Startery Gründungsstipendium des social impact lab erhalten und werden mit dem Coaching »Platz da!« strategischer aufstellen und uns zu Rechtsformen und Finanzierung beraten lassen. Wir sind gespannt was dabei herauskommt.


Alle die »Platz da!« live erleben wollen, können sich unter www.platzda.berlin und auf der Facebookseite der nGbK zu aktuellen Terminen und was gerade so hinter den Kulissen läuft informieren.

Stefanie Wiens ist Kulturmanagerin und -vermittlerin mit Schwerpunkt Inklusion. Sie forscht theoretisch zum Thema »Inklusives Museum« und setzt Inklusion praktisch um. Sie ist freiberuflich für verschiedene Träger tätig und hält regelmäßig Vorträge. Bereits in frühen Jahren wurde ihr Leben inklusiv geprägt und während ihres Grundstudiums arbeitete sie als Museumspädagogin.

Gast-Autorin: Anna hat Kunstgeschichte und Museumsmanagement studiert und lebt nun als Kulturmanagerin in Berlin. Neben jeglichen kulturellen Formaten, fasziniert sie die digitale Kommunikation und natürlich mag sie Ananas, Star Wars und ihr Rennrad Michael.