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So schwarz die Nacht, so klar die Sterne.

katrin

Ein Gastbeitrag von Katrin Schwerdtner
in Zusammenarbeit mit der Kooperationsgemeinschaft Mammographie

Es ist der 8. Juni 2017 der mein Leben auf den Kopf stellt. Mein Frauenarzt tastet einen Knoten in der rechten Brust. Harmlos, garantiert unbedenklich, abgekapselt und gut beweglich. »Machen Sie sich keine Sorgen.« Nur zur Sicherheit gibt es doch einen Termin beim Radiologen, zwei Wochen später, denn es eilt ja nicht. Zuhause schaue ich auf den Überweisungsschein auf meinem Schreibtisch und weine. Nur zwei Menschen erzähle ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt von dem Tastbefund. »Das wird schon nichts sein.«, sagen die. Aber ich spüre, dass es doch etwas ist, nichts Gutes.

Es folgen Mammographie, Ultraschall, Biopsie und weitere vier Tage später die Gewissheit: Brustkrebs. Dass diese Diagnose mich erwartet, weiß ich in dem Moment, als der Arzt auf dem gesamten Weg vom Wartezimmer zum Behandlungsraum meine Hand hält. Kein gutes Zeichen. Das Gespräch mit dem Arzt dauert fünf Minuten. Ich erfahre, in mir ist ein schnell wachsender, hoch aggressiver Tumor. Ich höre noch Chemotherapie, Antikörpertherapie, Bestrahlung, OP, Reha. Alles was ich denken kann ist: »Dafür habe ich weder Zeit noch Geld.« Denn ich habe gerade erst meinen Job gekündigt und mich als Yogalehrerin selbständig gemacht. Dass der Krebs nicht nur meine wirtschaftliche Existenz, sondern mein Leben bedroht, kann ich noch nicht wahrhaben. Dann stehe ich im Foyer der noblen Praxis, halte mein Gesicht in den Händen, beginne zu begreifen und weine, mein ganzer Körper zittert. Ich steige in die U-Bahn nach Hause, setzte mir eine Sonnenbrille auf und weine weiter. Zuhause atme ich durch. Es ist völlig klar, mit wem ich nun sprechen möchte, wer jetzt informiert werden muss. Es werden noch viele solche Momente völliger Klarheit folgen. Wer dem Tot ins Auge blickt, wird klar.

Es folgt eine Armada an Untersuchungen, bei denen ich häufig nicht mal weiß, was untersucht wird und warum und was der anschließende Befund für mich und meine Überlebenschancen bedeutet. Ich kaufe Bücher über Krebs, recherchiere, durchforste das Internet, spreche mit Ärzten, Heilern, Überlebenden, Betroffenen. Ich will verstehen, gegen wen oder was ich überhaupt kämpfe, was da in meinem Körper vorgeht. Der Hamburger Onkologe sagt: »Chemotherapie.« Immer wieder. Ich denke: »Schneidet das Ding einfach raus, von mir aus bestrahlt mich noch ein bisschen und das war’s dann. Spätestens in drei Monaten will ich wieder arbeiten können. Das Ganze ist einfach nur ein Irrtum der Natur, ein Versehen des Universums, ein ganz schlechter Witz. Halb so wild, wird schon wieder. Kein Grund zur Panik.« Immer wieder.

Gesicht

Es vergehen weitere zwei Wochen, in denen ich zuletzt für eine Drittmeinung mit der Bahn durch ganz Deutschland reise, denn ich habe furchtbare Angst vor einer Chemotherapie, hoffe noch immer, dass es eine sanftere Alternative gibt. Bislang habe ich nicht mal eine Kopfschmerztablette genommen, mich rein pflanzlich ernährt, täglich Yoga geübt, meinen Körper als Zuhause meiner Seele betrachtet. Dieser Körper ist so rein, fühlt sich so stark und gesund an. Wie soll eine Giftkur ihn heilen können? Eine Freundin begleitet mich in die Klinik, die klügste Freundin, die ich habe. Nach dem Gespräch mit der Ärztin frage ich sie: »Katja, ist für dich klar, was zu tun ist?« Katja sagt: »Ja, kein Zweifel.« Das habe ich gebraucht. Wieder Klarheit. Ich rufe meinen Onkologen in Hamburg an und stimme der Chemotherapie zu. Ich spüre seine Erleichterung durch die Leitung. »Meine Kinder sind so alt wie Sie, ich hatte Angst, sie als Patientin zu verlieren.«

Ich reise zurück nach Hamburg, steige aus der Bahn, werde umarmt, gehalten und weine. Meine harte Fassade beginnt zu bröckeln. Dann laufen wir durch den Park und ich schimpfe, wüte, verteufele. Ich möchte den Menschen die Bierdosen und Kippen aus der Hand schlagen. »Die treten mit Füßen, was ich mir so sehr wünsche.« Gesundheit. Ich weiß, dass kein Mensch diese Krankheit verdient hat, aber warum nun ausgerechnet ich sie habe, so jung, so gesundheitsbewusst, so voller Träume, will mir nicht in den Kopf. Immer wieder sage ich: »Das ist so unfair, so unfair, so unfair.« Da glaube ich noch, dass ich ein Grundrecht habe, von Verlust und Scheitern verschont zu bleiben, dass alles möglich ist, wenn ich nur wirklich will, dass das Universum eine Art Wunscherfüllungsmaschine ist und die Natur und das Leben sich an meinen Plänen orientieren.

Meine Entscheidung steht fest. Chemotherapie. Wenn ich leben möchte, muss dieser Tumor mit allen Mitteln bekämpft werden. Von diesem Zeitpunkt an bombardiert mich mein Umfeld mit Artikeln über alternative Krebstherapien: Brokkoli, Curcuma, Hanföl, Mistel, Familienaufstellung … Auf einmal sind alle Experten. Immer wieder lese und höre ich: »Wenn ich Krebs hätte, würde ich auf keinen Fall eine Chemotherapie machen.« Immer wieder denke ich dann: »Wenn du Krebs hast, sprechen wir uns noch mal.« Denn ich bin 35 Jahre alt und muss eine Entscheidung treffen über Leben oder Tot, und zwar nicht theoretisch, sondern sehr praktisch. Ich werde darauf hingewiesen, dass ich wahrscheinlich meinen Grundkonflikt nach Hamer nicht gelöst habe oder womöglich ein Vaterkonflikt schuld sein könnte. Ich werde wütend. Jetzt bin ich auch noch Schuld?! Doch dann stellt sich Ruhe ein. Mein Bruder sagt: »Du musst kämpfen.« Ich denke, dass ich einfach tun muss, was getan werden muss. Schritt für Schritt für Schritt.

Die Krankheit macht mich weich, ich komme wieder in Kontakt mit sehr zarten Gefühlen in mir, die ich lange nicht mehr spüren konnte. Ich sortiere mich, mein Herz und meine Prioritäten. Erkenne den Wert der Liebe, verstehe was Freiheit bedeutet und was Geborgenheit. Ich sehe meine Fehler, mein Vertun, sehe neue Chancen, neue Wege, neue Ziele. Ich fühle, wer zu mir gehört. Ich lerne, was mir die Menschen bedeuten und was ich den Menschen bedeute, obwohl ich mich jahrelang nur um mich selbst gedreht hatte, in meiner eigenen sehr fernen Galaxie. Ich schöpfe Hoffnung aus dieser Klarheit, möchte überleben für dieses Leben, das sich mir plötzlich erschließt. Ich begreife, dass auch diese neue Weichheit Heilung bedeutet, denn vorher war ja etwas hart in mir geworden, in meiner Brust. Alles ordnet sich neu, durch eine Krankheit, die alles zum Stillstand bringt. Alles wird langsam. Alles wird klar.

Am 2. August 2017 bekomme ich meine erste Chemotherapie. Ruhig bin ich, entspannt, fast erleichtert. Denn jetzt gibt es kein zurück mehr, nur noch vorwärts. Die Chemo macht mich kraftlos, machtlos, hoffnungslos. Vor mir liegen 15 weitere Zyklen Chemotherapie, sechs Monate Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, entzündete Schleimhäute, Glatze, Gewichtsverlust, schwacher Blutdruck, Fieber, Angst, Desinfektionsmittel, Herzrasen. Ich liege im Bett, jede Haarwurzel schmerzt. Die Krebs Selbsthilfeliteratur empfiehlt Realitätsverleugnung: »Ich bin vollkommen gesund.«, soll ich mir immer wieder voller Überzeugung sagen, obwohl ich mich vollkommen krank fühle. Ich glaube, am tiefsten Punkt angekommen zu sein.

Frau

Am 3. August 2017 verliere ich die Liebe meines Lebens und revidiere. Denn ich sinke tiefer. Der Kummer rückt selbst die Krankheit in den Hintergrund. Wen interessiert Krebs, wenn das Herz gebrochen ist? Ich verstehe, dass ich mit der Trennung von meinem Freund, wenige Wochen vor der Diagnose, den größten Fehler meines Lebens begangen habe, während ich mich im ewigen Kreisen um mich selbst der Illusion hingegeben hatte, Unabhängigkeit und Leichtigkeit würden uns durchs Leben tragen, und nicht die Liebe. Und nun muss ich machtlos zusehen, wie der Mensch, der noch bis eben meine Hand hielt, der mit mir durch Dick und Dünn ging, mit dem ich fast mein halbes Leben verbracht und den Rest meines Lebens, dessen Wert und Sinn ich gerade erst begriffen hatte, verbringen möchte, sich langsam entfernt. Wieder Klarheit. Und Einsicht. Denn ich verstehe, dass es nun an mir ist, die Zeit, den Raum und die Freiheit zu schenken, die mir solange von ihm geschenkt wurden, damit meiner Veränderung vertraut werden kann, damit sie nicht als kurzfristige Nebenwirkung der Krankheit und Behandlung abgetan wird, und damit Verletzung und Schmerz langsam heilen können, so wie auch ich langsam heile. Es hält sich in mir die Hoffnung, dass die große Liebe die Angewohnheit hat, Ihren Weg zurückzufinden. Vielleicht ist die Chance verschwindend gering, vielleicht wäre Loslassen leichter, aber mein Herz sieht klar und liebt. Beständig.

Ich habe Krebs. Und ich habe Liebeskummer. Oft kann ich nicht sagen, was schlimmer ist. Doch ich habe auch ein Netz aus Familie, Freunden, Kollegen, Nachbarn, Therapeuten und Ärzten, das mich fängt, mich trägt und erträgt, wenn ich kaum zu ertragen bin, dass mich wiegt, mich tröstet und mich einhüllt. Menschen, die in meinen schwärzesten Stunden ein Licht sind, auf der dunklen Seite des Lebens. Menschen, die mir zeigen, jeder auf seine ganz eigene Art und Weise, dass diese Welt und ihre Bewohner fest zusammenhalten, wenn es hart auf hart kommt, dass man so schnell nicht von dieser dicken runden Erdkugel rutscht. Verbundenheit. Das Gefühl, das ich jahrelang auf weiten Reisen, in neuen Städten, neuen Lebensentwürfen und auf der Yogamatte und gesucht hatte, fühle ich zum ersten Mal wirklich. In einer tödlichen Krankheit. Was ist das Leben doch für ein verrücktes, verrücktes Ding? Ich stoße auf ein Gedicht von Mascha Kaléko:

»Wenn die Wellen über mir zusammenschlagen, tauche ich hinab, nach Perlen zu fischen.«

So viel Klarheit, so viel Ungewissheit. So viel Hoffnung, so viel Verzweiflung. So viel Vertrauen, so viel Angst. So viel Liebe, so viel Kummer. So schwarz die Nacht, so klar die Sterne. Leichtigkeit ist so vergänglich, jeder Moment so kostbar. Ich habe viele Fehler gemacht, jetzt lerne ich viel. Das alles kann ein Ende sein, aber genauso auch ein Neubeginn. Ich verspreche mir selbst, dieses Leben zu einem Fest zu machen. Und fast macht dieses Versprechen das Leben schon jetzt etwas schöner. Jeden Tag ein kleines bisschen. Fast lässt es das Licht in mir noch ein wenig heller scheinen. Fast denke ich, habe ich vielleicht sogar Glück, dass ich so jung die Möglichkeit bekomme, so tief einzutauchen »in das Leben, das Universum und den ganzen Rest.« (Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis).


Katrin Schwerdtner lebt in Hamburg. Ihre große Leidenschaften sind Yoga und Reisen, sie rollte ihre Yoga Matte schon überall auf der Welt – von Nicaragua bis Indien – aus. Ihre größte Freude ist es, die Erfahrungen ihrer Yoga-Reisen in ihren Yogastunden und Massagen mit anderen Menschen teilen zu können. Auf ihrem Blog New Moon Yoga schreibt sie über das Leben und ihren Weg, mit der Krankheit umzugehen. Da Katrin sich erst wenig Monate vor der Diagnose Brustkrebs als Yogalehrerin selbstständig gemacht hat, und über kein finanzielles Polster verfügt – freut sie sich über jede Art von Unterstützung: auf dieser Spendenseite könnt ihr Katrin supporten.

Kreise

 

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Mit rund 70.000 Neuerkrankungen jährlich ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Instituts legen nahe, dass jede achte Frau im Laufe ihres Lebens an Krebs erkrankt. Um Brustkrebs möglichst im Frühstadium zu erkennen, wurde das deutschlandweite Mammografie-Screening, eine Röntgenuntersuchung der weiblichen Brust, ins Leben gerufen. Frauen zwischen 50 und 69 Jahren werden alle zwei Jahre zu einer kostenlosen Röntgenuntersuchung der Brust eingeladen.

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Kooperationsgemeinschaft Mammographie entstanden.