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They’ve got the juice

Sommer 2017. Eine neue Festivalsaison ist in vollem Gange. Und neben dem Wetter hat sich eine weitere Sache nicht verändert: Obwohl geschlechtsunabhängiges Booking kein neues Thema ist, vermissen wir ein ausgeglichenes Verhältnis von Männer, Frauen und non-binären Künstlern auf fast jedem Festival in Deutschland. Die kleinen Slots, die für Frauen* oder Bands mit vorwiegend weiblichen Bandmitgliedern reserviert sind, liegen wenn überhaupt meist am Rande des Timetables oder auf den kleinen Bühnen. Im Mainstream ist kein Platz für Frauen*? Es gibt nicht ausreichend Auswahl? Frauen* sind in der Musikszene nicht aktiv? WRONG.

Das Pop-Kultur Festival beweist wieder einmal, dass ein vielfältiges Programm möglich ist. Nicht nur musikalisch sondern auch im Kunst- und Rahmenprogramm. Unter den etwa 50 geführten Bands in der Kategorie »Concert« haben wir mit großer Freude 28 weibliche Künstlerinnen* bzw. Bands mit vorwiegend weiblichen Bandmitgliedern entdecken können. Unsere zwölf Favoriten wollen wir euch hier kurz vorstellen.

Desweiteren setzt das Pop-Kultur Festival auf Auseinandersetzung und Diskussion. Unten findet ihr anschließend eine Liste der Talk-Runden, die ihr definitiv nicht verpassen solltet – und die ausschließlich von Frauen* besetzt sind. Yes!

»Als Festivaldirektorin will ich mindestens 50/50 (Männer- und Frauenanteil), ich will, dass es divers ist. Ich fordere das in meinen Gremien und Jurys ein.«— Katja Lucker, Direktorin des Pop-Kultur Festivals im Missy Magazine Interview

 

musik

Die ganze TRUST THE GIRLS x Pop-Kultur Playlist gibt es auf Spotify. Hier entlang.

1 — Lady Leshurr

Melesha O’Garro – besser bekannt als Lady Leshurr – ist eine Sängerin, MC und Producerin aus Birmingham und in den letzten Monaten besonders durch ihre Serie Queen’s Speech auf YouTube zu größerer Bekanntheit gelangt. Mit Juice hat sie sich nicht nur in die Herzen ihrer Online-Audience gefreestylt sondern Vorbildcharakter für die junge Generation aufgebaut.

»You know what I didn’t really think that at the time, but yeah we don’t get respected as much as we should. We get swept under the rug a lot, like ›Oh, it’s just her‹, and we don’t ever get mentioned with Skepta and people like that. We’re still placed in the ›good for a girl‹ box and it’s actually horrible, but that’s one of the main things I wanna break next year.« (Lady Leshurr, Noisey UK, 2015)

2 — ABRA

Pop-Kultur schreibt hier selbst sehr passend: »Eine Außenseiterin, aufgewachsen zwischen New York, London und Atlanta, auf dem Weg zur Spitze; down to earth, aber hungrig nach mehr.« Wir sind hungrig und haben Bock auf den modernen R&B von ABRA.

»I really wanted to start off with an attitude of confidence as opposed to the heartbroken stuff people are used to — that sad girl shit. It’s time to regain your self-esteem and know who you are.«— ABRA for Fader

(Link zum Interview)

3 — Sophia Kennedy

Sophia Kennedy macht Popmusik. Melancholisch, präzise, gefühlvoll und kräftig, ganz wunderbar. Über die charakteristische Stimme der in Baltimore geborenen Sängerin stolperte man in Hamburg bereits bei dem ein oder anderen Musikprojekt (zum Beispiel Shari Vari) – um das Stolpern dann in ein taktvolles Grooven zu verwandeln. Im April diesen Jahres hat sie ihr erstes Solo-Album veröffentlicht.

4 — Fishbach

Fishbach ist weird. Aber gut weird, mit Liedern aus einer anderen Zeit. In Frankreich wird Flora Fischbach als L’irrésistible gefeiert und kritisiert. Sie will nicht gefallen und gefällt dadurch umso mehr. Die Französin wird bei ihrem Konzert beim Pop-Kultur als Teil einer »Commissioned Work« eine eigenes für sie gestaltete Kollektion der Mode-Designerin Odély Teboul tragen.

5 — Riff Cohen

Riff Cohen wird in Tel Aviv als Tochter einer französisch-algerischen Mutter und einem israelischen Vater mit tunesischem Hintergrund geboren. Sie ist nicht nur Musikerin sondern auch erfolgreiche Schauspielerin und studierte Musikologin. Seit ihrem 9. Lebensjahr komponiert sie ihre eigene Musik – zwischen poetischem Vive la vie und düsteren Melodien feiert Cohen mit ihrer Musik eine Party zwischen Freude und Beklemmung, immer darauf bedacht, woher sie kommt und was sie geprägt hat.

»But here I am, third generation – and I think that it’s something to showcase and be proud of. We shouldn’t hide it. It’s part of Israel’s cultural landscape. Everyone has their own culture, and we should showcase it and connect to it – without denial, without drawing a blank eye, without erasing our roots and trying to just be western. Part of our job as artists living in Israel’s sixties, is to search for Israeli culture and to create it.« (Riff Cohen for cafébabel)

6 — Smerz

Das Duo um die zwei Norwegerinnen Henriette und Catharina macht cleveren, tiefen, tanzbaren, emotionalen Elektro-Pop, ohne die Texte zu vergessen.

7 — Throwing Shade

Nabihah Iqbal, im musikalischen Umfeld bekannt als Throwing Shade, sagt über die Arbeit in der Musikwelt: »A unique factor of being here now, partway through the 21st century, is that everything is blown wide open. People can exist who approach music from a completely different perspective. Not being white or male inherently makes a difference to the music you make and your motives. For me, it’s about learning how to be heard and sharing these experiences.« (M – PRS for Music magazine)

Man darf sich auf kosmische R&B Tunes freuen, die die Musikproduzentin, Sängerin, Multiinstrumentalistin und Radiomoderatorin beim Pop-Kultur für euch dabei hat.

8 — Little Simz

»I don’t like feeling like you have to live up to an expectation as an artist because I don’t expect anything from anyone. I don’t want people to expect me to be perfect, because I’m not and you should never have that in your head about anyone. It’s a lot easier for me to just be myself and in doing that if I manage to make a couple wrong turns, or if I manage to slip, just understand that it happens – shit happens. You can expect me to learn from that and to better myself, I guess. It’s just that human aspect – wanting people to feel that I’m just like you, there’s no difference.« (Little Simz for Noisey)

9 — Anna Meredith

Die schottische Komponistin ist musikalisch so maximal vielfältig wie ein Kaleidoskop (Pitchfork). In ihrer Liveband vereinen sich Synthesizer, Klarinette, Cello, Tuba, Gitarre und Schlagzeug. In ein Genre lässt sich ihre Musik nicht einsortieren. Warum auch. Ein detailliertes, aufschlussreiches und ehrliches Interview über ihre Arbeit findet ihr auf The Line Of Best Fit.

10 — Ilgen-Nur

»Wenn die 21-Jährige also nonchalant singt, ›I’m just trying to be cool‹, bleibt nur zu konstatieren, dass sie bei diesem Versuch alles verdammt richtig macht.« Was Pop-Kultur sagt. Ilgen-Nur hat das Jahr 2017 mit ihren Tracks, ihrer ausgesprochenen Ehrlichkeit, ihren Instagram-Stories und ihren Gitarren-Riffs ein bisschen cooler gemacht. Zumindest so, dass wir alle mit dem Faustschlag der letzten Depression im Gesicht in unseren türkisen 80er-Jahre-Regenjacken im Supermarkt Cracker kaufen gehen und keine F*cks geben. Danke, Ilgen-Nur.

11 — Manuela

Ein verheiratetes Paar aus bildender Künstlerin und Rockstar, das Musik macht – das klingt wie ein ziemlich süßer Brotaufstrich. Aber Manuela – das Duo aus Manuela Gernedel und Nick McCarthy – machen sympathischen Gitarrenpop – ziemlich groovy, aber nicht zu glatt.

12 — Happy Meals

Suzanne Rodden and Lewis Cook sind erstens Happy Meals und zweitens ein guter Beweis dafür, dass man sich mit Ende 20 auch noch Happy Meals bestellen und danach gierig die letzten Salzkrümel von den fettigen Pommes-Händchen lecken kann. So zumindest klingt ihre Musik – Synth-Pop mit Hang zu Diskomusik, aber gar nicht doof.

 

gespraech

 

  1. »Blessed, Depressed, Well Dressed«
    Hengameh Yaghoobifarah spricht mit Lady Leshurr über Depressionen, Ängste, über die psychischen und physischen Auswirkungen von Sexismus und Rassismus und das Leben als Künstlerin im Mittelpunkt von Social Media.
  2. female:pressure: »FACTS – What needs to be done?«
    Die FACTS-Studie von female:pressure beleuchtet die Situation um die Gender-Verteilung in der elektronischen Musikszene. Sky Deep, Anni Goh, Marlene Engel und Christine Kakaire sprechen in diesem Panel über anwendbare Strategien sowie bestehende Probleme, um besonders weibliche Acts zu fördern.
  3. »Let’s Talk About Gender, Habibi«
    Hengameh Yaghoobifarah, Yesim Duman und Ilgen-Nur treffen sich auf einem Panel. Was will man mehr? Die drei Künstler*innen, Musiker*innen und Freund*innen sprechen über Queerness, Fragen von race und die Situation von female artists im heutigen Pop. Must!
  4. »We Make Waves«
    Das We Make Waves Festival  ist ein Showcase-Festival von und für Frauen und nicht-binäre Menschen und findet im November diesen Jahres das erste Mal in Berlin statt. Beim dazugehörigen Workshop auf dem Pop-Kultur Festival soll dabei mit allen Teilnehmenden ein neues »Regelbuch der Musikindustrie« entworfen werden, das für mehr Gerechtigkeit, freien Zugang, Diversität und Empowerment auf diesem Feld sorgen soll. Die Organisatorinnen Melissa Perales, Caoimhe McAlister und Mirca Lotz leiten den Workshop und werden von Jovanka von Wilsdorf, Sandra Passaro und Kristin Amparo unterstützt.

See you there, people!