Female beats – Heldinnen* der elektronischen Musik

»Mein Traum wäre es ja, dass irgendwann eine Party stattfindet, auf der nur Frauen auflegen. Und niemandem fällt es auf.«— Mo Loschelder, Zitty

Ob man es zugeben will oder nicht, Sexismus ist nach wie vor ein Riesenproblem in der Musikindustrie – auch in der elektronischen Musikszene, die sich selbst gern so geschlechtslos und offen gibt. Frauen* sind in fast jedem Bereich der Szene gnadenlos unterrepräsentiert und die Qualität und Vielfalt von Künstlerinnen* wird häufig vergessen und unterschätzt. Das wollen Mo Loschelder, Bettina Wackernagel und Sabine Sanio mit  Heroines of Sound ändern! Mo Loschelder studierte zunächst Kunst bei Gerhard Richter an der Kunstakademie Düsseldorf, bevor sie in den 90ern nach Berlin ging, wo sie als DJ auftrat, Musik produzierte, Parties organisierte und in dem renommierten Plattenladen Hard Wax arbeitete. Seit 2009 betreibt sie ihre eigene Bookingagentur, mit der sie unter anderem Gudrun Gut, Barbara Morgenstern und Jan Jelinek betreut. Gemeinsam mit Bettina Wackernagel, Musik- und Theaterregisseurin* und Vorstandsmitglied der bgnm (Berliner Gesellschaft für Neue Musik) und Sabine Sanio, Leiterin* des Bereichs »Theorie und Geschichte auditiver Kultur« an der UdK Berlin will sie in der männerdominierten Musikszene einen Raum für Frauen* schaffen.

Das interdisziplinäre Festival, das vom 7. bis zum 9. Juli im Berliner RADIALSYSTEM V stattfindet, verknüpft Konzerte, Sound Art und Performances mit Installationen und Diskursveranstaltungen und widmet sich neben Pionierinnen* der frühen elektronischen Musik ebenso Musikerinnen*, die heute mutige und avantgardistische Ansätze verfolgen. Dabei will das Festival vor allem eins: Vernetzen und den Anteil von Künstlerinnen* im Musikbetrieb nachhaltig stärken.

Elżbieta Sikora
Elżbieta Sikora © Łukasz Rajchert

Im Fokus der diesjährigen Ausgabe stehen vor allem polnische Künstlerinnen* – allen voran Elżbieta Sikora, die polnische Pionierin* akusmatischer Musik, die trotz zahlreicher Preise für ihre Kompositionen in Deutschland bisher kaum bekannt ist. Elżbieta Sikora, inzwischen in Frankreich lebend, studierte nach einer Ausbildung zur Tontechnikerin* in Warschau zunächst elektronische Musik in Paris, anschließend Komposition in Warschau und schließlich Computermusik am IRCAM in Paris und an der Stanford University in Kalifornien. So umtriebig wie sie selbst, so vielfältig sind auch ihre Kompositionen, von denen gleich drei gezeigt werden. Aus der aktuellen polnischen Musikszene sind Jagoda Szmytka und Katarina Glowicka zu Gast und präsentieren ihre multimedialen Kompositionen.

Zum ersten Mal wurden in diesem Jahr auch zwei Kompositionsaufträge für das Festival vergeben: Neben Iris ter Schiphorst präsentiert auch Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo die Uraufführung ihrer neuen Achtkanal-Computermusik »Tolkowyky’s Refraction«, deren Name sich auf den von Marcel Tolkowsky entwickelten idealen Brilliantschliff bezieht. Electric Indigo ist außerdem Gründerin* der internationalen Online-Datenbank female:pressure, die es sich zum Ziel gesetzt hat, weibliche, transgender und non-binary Musikerinnen*, DJs, bildende Künstlerinnen*, Produzentinnen*, Journalistinnen* und Forscherinnen* aus den Bereichen elektronische Musik und digitale Künste stärker miteinander zu vernetzen, ihre Kommunikation untereinander zu verbessern und ihre öffentliche Sichtbarkeit zu vergrößern.

2013 hatte female:pressure das erste Mal eine Statistik veröffentlicht, die die Missstände bezüglich Chancengleichheit und Sichtbarkeit von Künstlerinnen* in der elektronischen Musikszene thematisiert. Die Statistik zeigte unter anderem, dass in Festivals, Labels und Clubs weltweit nicht einmal 10% Frauen* repräsentiert waren – was einen riesigen Media-Hype um dieses Thema auslöste. Und dennoch haben sich die Zahlen vier Jahre später nicht entscheidend geändert. Die nächste Statistik wird im August diesen Jahres veröffentlicht und vergleicht unter anderem die Festivals der Jahre 2013 bis 2017.

»The media presence and awareness is quite large, but the actual facts have not changed much. The pure commercial [festivals], they just don’t care. They have other priorities rather than making society better.«— Electric Indigo, IKLECTIK

Gespannt sein darf man ebenfalls auf die Live-Elektronik Performance von Heidi Mortenson. Die Dänin*, die nach Stationen in Barcelona und Berlin inzwischen in einem Wald in Skandinavien lebt, überrascht immer wieder mit musikalischen Experimenten zwischen Avantgarde-Pop, Beatboxing und Electronica.

Außerdem am Start sind Małgorzata Walentynowicz, Pilocka Krach, Joanna Wozny, Lisa Streich, Marisol Jiménez, Oxana Omelchuk, ensemble mosaik, Jasmine Guffond, Heidrun Schramm, Chra, Alessandra Eramo und hiT͟Hərˈto͞o.

© Markust Gradwohl
Electric Indigo © Markus Gradwohl
© Markust Gradwohl
Heidi Mortenson © IOOOIO

Neben dem musikalischen Programm finden an jedem Festivaltag Panels statt, die die Situation von Künstlerinnen* in der elektronischen Musik aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und diskutieren. Gleich zu Beginn gibt es ein Networking-Panel, das Komponistinnen* und Musikerinnen* einerseits und Kuratorinnen*, Konzertveranstalterinnen* und Blog-Aktivistinnen* andererseits miteinander in Verbindung bringen soll. Gemeinsam sollen Erfahrungen ausgetauscht, Grenzen unterschiedlicher musikalischer Sparten überwunden und Strategien entwickelt werden, die eine breitere öffentliche Sichtbarkeit für Frauen* im Bereich elektronischer Musik ermöglichen können.

Am Freitag werden dazu Video-Installationen von Zorka Wollny und Noa Gur eröffnet, die das gesamte Festival über kostenfrei besucht werden können.

Auch über das Festival hinaus bietet Heroines of Sound seit 2014 eine Plattform für Künstlerinnen* mit dem Ziel, diese innerhalb des internationalen Musikbetriebs sichtbarer zu machen und langfristig zu stärken. Heroines of Sound dient dafür als Netzwerk, initiiert Veranstaltungen und Diskurse und hat mit den Heroines Editions bereits über 80 Künstlerinnen* aus 20 verschiedenen Ländern präsentiert.

Also, schaut vorbei beim diesjährigen Heroines of Sound Festival – informiert euch, kommt ins Gespräch, vernetzt euch und schafft gemeinsam mehr Raum!

ticket

Für den Konzertbesuch:
Tagesticket 18 € | ermäßigt 12 €
Zweitagesticket 30 € | ermäßigt 18 €
Festivalticket 45 € | ermäßigt 27 €

Eintritt frei für Panels, Film-Installationen und Sound-Bar
Angegebene Preise im Ticketbüro des RADIALSYSTEM V, online zzgl. Gebühren.

extra

Checkt bitte auch diese beeindrucke interaktive Timeline über die richtungsweisenden Frauen* der elektronischen Musik beginnend mit der großartigen Ada Lovelace (von The Vinyl Factory).

Screenshot
Screenshot am 3.7.2017, The Vinyl Factory

 


Caroline Schwarz lebt in Berlin und arbeitet im Kulturbereich. Sie studierte Gebärdensprachen (BA) und Literaturwissenschaften (MA) in Hamburg und interessiert sich für Theorie, Techno und Tennis.