Djenna Wehenpohl 2

»Feminismus ist nicht Feminismus, …«

Redebeitrag von Djenna Wehenpohl am 8. März 2017, anlässlich des Sisters’ March.
Foto © Malte Metag

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Dies wäre eigentlich der Redeslot von TRUST THE GIRLS. Aber wie ihr seht, spreche nun ich. Hi, ich bin Djenna, und ihr könnt auch mir vertrauen.

Ich danke euch beiden, Melodie und Eva von TRUST THE GIRLS, dass ihr mir vertraut, dass ihr euch für einen intersektionalen Feminismus einsetzt und in diesem Sinne euch an dieser Stelle ganz bewusst zurücknehmt, um mir, einer queeren Schwarzen Frau, zuzuhören.

Meine Stimme hier heute ist nämlich eine der Kritik. Eine Stimme, die insofern Kritik äußern möchte, als dass sie euch konstruktiv zur SELBSTKRITIK inspirieren möchte. Ich möchte euch motivieren, euch selbst zu hinterfragen, eure Positionen, eure Perspektiven und eure Privilegien kritisch zu hinterfragen. Auch wenn, oder gerade dann, wenn es nicht sonderlich angenehm ist. Ich bin nicht hier um euch lobend auf die Schultern zu klopfen, dass ihr es heute hier auf den Hamburger Rathausmarkt geschafft habt. Vielmehr möchte ich darauf aufmerksam machen, welche vielen Gesichter und Körper heute nicht anwesend sind.

Diese Veranstaltung heute ist eine überwiegend weiße, von der Konzeption, über die Organisationsstruktur bis hin zum Publikum. Ich sehe hier heute eine tolle Masse an Menschen, die gerade aktiv werden. Aber auch eine Masse, in der viele Leute fehlen. Und ich frage: Wo sind all die ›anderen‹? Wo sind meine Schwarzen, meine asiatischen, meine latinas, meine latinx, meine muslimischen, meine lgbtqia+ und meine immigrierten Sisters, wo sind meine, im schwarzpolitischen Sinne: SISTA*S?!

Es geht eben nicht nur darum, wer hier heute am Mikro spricht, sondern auch, wer alles mit diesem Sisters’ March von vornherein angesprochen und vornherein mitgedacht wurde. Es gibt einen Unterschied zwischen der Aussage: ›Hey, ihr seid alle willkommen!‹ und der Investition in Strukturen, die tatsächlich gewährleisten, dass sich wirklich ALLE angesprochen und willkommen fühlen.

Denn marginalisierte Frauen* sind in Formaten wie heute zu häufig zu unterrepräsentiert, zu häufig nicht konsequent mitgedacht, zu häufig zum Stillschweigen gebracht.

Illustration: Eva Dietrich

Wenn wir hier heute alle versammelt sind und für Freiheiten einstehen, dann doch bitte nicht nur für die Freiheit, dass Frauen wieder Achselbehaarung und Brustwarzen zeigen dürfen, sondern auch für die Freiheit aller, selbst entscheiden zu dürfen, wie enthüllt oder verhüllt wir uns zeigen wollen. Dafür, dass wir alle frei sind von unerwünschten Sexualisierungen und eben auch den damit verbundenen Exotisierungen. Frei davon, kategorisch als kriminell oder terroristisch eingestuft zu werden. Sexismus ist in dieser Hinsicht nicht losgelöst von Rassismus zu denken. Wir wollen ALLE frei von Diskriminierung sein, aber so viele von uns haben mehr als nur einen Grund dafür. Wir wollen frei davon sein, dass unsere Körper abhängig von unseren Geschlechteridentitäten kontrolliert werden. Frei davon, dass sich Feminismus immerzu um die biologische Vagina dreht. Frei davon, basierend auf unsere körperlichen und psychischen Behinderungen isoliert zu werden und immerzu auf Barrieren zu stoßen. Frei davon, unsere Sexualitäten rechtfertigen, anpassen oder verstecken zu müssen. Frei von Angst, wenn wir der Polizei begegnen. Frei von Angst vor Gewalt. Frei von den Unsicherheiten und der Schutzlosigkeit, der wir in so vielen Gebieten Deutschlands ausgesetzt sind. Frei davon, als kulturelle Beschmutzer*innen dieser mehrheitsweißen Gesellschaft angesehen zu werden. Frei von unmenschlichen und unterdrückenden Integrationsmaßnahmen. Frei von ökonomischen und arbeitsbezogenen Schieflagen, nicht nur in Bezug auf Männer, sondern auch untereinander. Frei davon, uns in Film und Fernsehen entweder gar nicht oder nur als diese eindimensionalen Karikaturen dargestellt zu sehen. Frei davon, als kategorisch, institutionell und strukturell weniger wichtig und weniger wert angesehen zu werden. Ob beim Job, auf dem Arbeitsamt, in der Bahn, in Bildungsinstitutionen, im Schwimmbad, im Supermarkt, an allen möglichen alltäglichen Orten an denen wir uns bewegen. Geht nicht nur von euch selbst aus. Wir sind eben nicht alle gleich! Als Frauen machen wir alle sehr unterschiedliche Erfahrungen in Deutschland und weltweit. Frau* sein bedeutet eben nicht gleich Frausein. Und das ist auch in Ordnung so.

Es geht nicht immerzu um Gleichheit, sondern um Gerechtigkeit. Denn wir sollten ALLE gleichberechtigte Freiheiten genießen dürfen. Freiheiten, die nicht nur auf unseren Geschlechtern basieren, sondern auch auf unseren Hautfarben, unseren Nationalitäten, unseren Religionen, unseren körperlichen Dispositionen, unseren Einkommen und unseren Sexualitäten. Wir können diese Dimensionen nicht voneinander getrennt leben. Also sollten wir diese Dimensionen auch nicht voneinander getrennt denken.

Und ich stehe hier heute nicht mit meiner Hautfarbe oder meiner Sexualität, um eine nicht vorhandene Vielfalt vorzutäuschen. Frauen* of Colour sind nicht dafür da, eure Quoten zu füllen, euren Multikulti-Fantasien zu dienen, ein Image von einer pinken Pussy Hat-Welt zu unterstützen. Ich stehe auch nicht hier, um euch zu bilden, schon gar nicht, um euch um Mitgefühl zu bitten oder nach Hilfe zu fragen. Ich stehe heute hier, um so laut und so deutlich, so soft und so sauer, wie ich nur kann, zu betonen, wie problematisch unser Status quo ist, wie diese Gesellschaft gewollt oder ungewollt soziale Schieflagen reproduziert und auch wie problematisch und unvollständig der Mainstream-Feminismus gedacht wird. Frauen* of Colour kämpfen seit Generationen gegen diese Schieflagen. Erst wenn begriffen wird, dass tatsächliche Freiheit maßgeblich und grundlegend an die Freiheit aller gekoppelt ist, dann erst können produktive Bündnisse geschaffen werden, dann erst kann das beginnen, was wir alle so gerne als Gemeinschaft imaginieren.

Liebe Leute, Internet-Suchmaschinen sind, so weit ich weiß, relativ frei zugänglich. Und wenn ihr von heute nur eine einzige Sache mitnehmt, dann doch bitte, dass ihr alle Wege finden könnt, euch zu informieren, euch selbst zu bilden, zuzuhören und zu verstehen, was es bedeutet intersektional zu denken, was tatsächliche, konsequente, radikale Solidarität bedeutet, was radikale Inklusion beinhaltet, was es heißt, eure eigenen privilegierten Positionen zu hinterfragen, zu untersuchen, inwiefern ihr Komplizen von unterdrückenden Dynamiken seid, wie ihr eure Zeit, Energie und Arbeit in Strukturen investiert, die uns alle befreien.

Das Wissen ist bereits vorhanden. Strategien wurden bereits entworfen. Endlose Texte wurden bereits geschrieben, endlose Worte bereits gesprochen. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Wir haben aber die Wahl, diese Ansätze – vor allem die seitens der marginalisierteren Positionen längst entworfenen Ansätze – nicht zu ignorieren.

Demonstrieren ist nicht dafür da, uns allen nur ein nostalgisches feel-good-Aktivismus-Gefühl zu geben. Demonstrieren, so wie hier heute auf der Straße, ist ein mächtiges Instrument im Kampf gegen Ungerechtigkeiten. Aber es ist auch nur EIN Instrument von vielen. Kämpfe gegen soziale Ungerechtigkeiten, gegen all die komplexen patriarchalen, kapitalistischen und kolonialen Strukturen in denen wir leben, gegen diese gruseligen politischen Entwicklungen mal wieder hier in Deutschland und weltweit, diese Kämpfe haben nicht hier und heute begonnen und sie sollten definitiv nicht hier und heute enden. Wenn ihr euch also heute im Sisters’ March auf diesen Weg begebt, denkt auch an den Weg, auf den ihr euch danach begeben könnt!

Lasst diese aktivistische Energie, die hier heute zusammenkommt, nicht verpuffen.

In diesem Sinne möchte ich Kämpfe vor uns zitieren: ›all power to all people‹. Ich betone: Freiheit für alle, alle, ALLE!!

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Djenna ist vor 30 Jahren in Darmstadt geboren und neben ein paar anderen Stationen hauptsächlich in Mexiko aufgewachsen. Seit 8 Jahren lebt sie mit ihrer Tochter in Hamburg. Djenna ist Betriebswirtin, Kulturwissenschaftlerin, Aktivistin und Mama.
Wir danken ihr für ihre starken und wichtigen Worte und freuen uns schon auf unser Zusammenarbeit in der Zukunft.