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Angezogen und angelogen

Ein kritischer Beitrag über pseudo-feministische Fast Fashion von Lamia Arslan und Caren Miesenberger

Egal ob H&M oder Monki, feministische Statement Prints sind im Jahr 2017 das, was die Aufdrucke »Bitch« und »Zicke« auf den Shirts vor gut zehn Jahren waren: von den Kleiderstangen großer Ketten nicht mehr wegzudenkendes Apparel, das sich gezielt an Frauen richtet und Botschaften der Selbstermächtigung vermitteln soll. Mittlerweile ist sogar das High Fashion Label Dior auf die Aktivistin und Autorin Chimamanda Ngozi Adichie aufmerksam geworden und hat den Titel ihres gleichnamigen Buches »We should all be feminists« in einem T-Shirt aufgegriffen.

Vereinnahmt Fast Fashion hiermit nur eine weitere politische Bewegung oder kann dieser Trend Feminismus anregen und fördern? Wie so viele Fragen lässt sich auch diese nicht leicht beantworten. Einerseits ist es zu begrüßen, wenn Menschen durch provokante Aussagen im Alltag ihre politische Meinung artikulieren und andere darauf aufmerksam machen. Dafür nicht mehr tun zu müssen, als einen bestimmten Eurobetrag für Modemarken auszugeben, ist bequem und kann Diskussionen anstoßen, wie es beispielsweise die Mode-Bloggerin Nike van Dinther (Blog »This is Jane Wayne«) erlebte. Die Journalistin Stefanie Lohaus sieht in der Vermarktung den Vorteil, dass sie Social-Justice-Bewegungen Öffentlichkeit verschafft und gleichzeitig eine textile Antwort auf organisierte Nationalkonservative und Rechtsextreme anbietet, wie etwa der Identitären-Bewegung, deren Anhänger sich ganz gezielt popkultureller Ausdrucksformen bedienen. Wir aber wollen fragen: Wie viel Liberalismus hält der Feminismus aus? Können individuelle Konsumentscheidungen im Kapitalismus überhaupt politische Veränderung herbeiführen? Und hält die massenhafte Vermarktung politischer Botschaften in Form von Fast Fashion einer intersektionalen feministischen Kritik stand?

Der Wandel von Konsum zu Massenkonsum

Massenhafter und schneller Konsum, ständiger Wandel und das permanente Streben nach Wachstum prägen unsere heutige Gesellschaft.

Zwar haben Menschen immer konsumiert und werden es weiter tun, aber längst wird über die Befriedigung der Grundbedürfnisse hinaus eingekauft. Die Wirtschaft boomte in vielen Industrienationen nach dem Zweiten Weltkrieg, was dazu führte, dass sich die Menschen mehr leisten konnten und der Konsum zunahm. Technischer Fortschritt und Massenproduktion beschleunigte die Entwicklung, nicht nur in der Lebensmittelindustrie oder der Automobilbranche, sondern auch im Bereich Mode.

Mode und Textilien sind selbstredend einem ständigen Wandel unterworfen. Dennoch vollzog sich der Wandel von einer normalen Modeindustrie zu einer Massenmodeindustrie schneller als es wünschenswert gewesen wäre. Dieser beschleunigte Wandel in der sogenannten Fast Fashion war, ähnlich wie bei Fast Food, in den letzten zwei bis drei Dekaden rasant. Der Begriff McFashion wird auch gelegentlich für Fast Fashion verwendet, da die angebotenen Artikel sich ähneln, in vielen Ländern verfügbar und die eigenen Shops der jeweiligen Unternehmen weltweit erkennbar sind. Insbesondere haben europäische Modeunternehmen wie Primark, Zara und H&M durch ein schnelles Produktions- und Vertriebssystem für einen rapiden Wandel in der Modeindustrie gesorgt.

Weggeworfen werden in Deutschland jedes Jahr etwa eine Million Tonnen Kleidung, in den USA waren es im Jahr 2010 sogar 13,1 Millionen Tonnen Textilien.— (Vgl. Greenpeace, 2012, S. 29)

Laut einer Studie von Greenpeace haben deutsche Verbraucher heute viermal so viel Kleidung wie noch 1980 in ihrem Kleiderschrank. Darunter befinden sich im Durchschnitt an die 20 Kleidungsstücke, die nie getragen werden.

Die Realität in den Fabriken

Neben den ökologischen und ökonomischen Folgen des Massenkonsums ergeben sich negative soziale Folgen vor allem für die Arbeiter*innen in den Produktionsstätten – deren überwiegende Anzahl ist weiblich. Das macht Fast Fashion zu einem Thema des Feminismus. So werden in den Fabriken zum Teil lebensgefährliche Chemikalien eingesetzt, um Stoffe zu färben. Auch sind die Produktionsbedingungen in sogenannten Niedriglohnländern mitunter inhuman. In Bangladesch arbeitet eine 23-jährige Näherin 91 Stunden die Woche zu einem Stundenlohn von 17 Eurocent – ohne dabei krankenversichert oder sonst irgendwie sozial abgesichert zu sein. Ihr Monatslohn beträgt 58 Euro (Vgl. ZDF; 2015, Gesichter der Armut. Leben mit ein paar Cent).

Während H&M und Co in Werbekampagnen für den europäischen Markt größtmögliche Diversität zeigen und T-Shirts verkaufen, die feministische Themen bedienen, scheitert die Praxis des Unternehmens daran, in seinen Produktionsländern faire Arbeitsbedingungen zu etablieren. Was wohl die Überlebenden der 2013 in Bangladesch eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza*, in der unter anderem für das schwedische Bekleidungsunternehmen produziert wurde und in deren Trümmern 1100 Menschen starben, davon halten, dass ihr indirekter Arbeitgeber in Europa für feministische Slogans gefeiert wird?

Die modebewusste H&M-Kundin in Europa konsumiert auf Kosten dieser Arbeiter*innen und ist sich ihrer Rolle als mündige Verbraucherin nicht bewusst. Im schlimmsten Fall ist es ihr schlichtweg egal. Das Bedürfnis, bei neuesten Trends für wenig Geld mitzumachen ist für die durchschnittliche Modekonsumentin in der Regel wichtiger als ethische Bedenken. Zu ihrer Verteidigung sei gesagt: Selbstverständlich kann es sich auch nicht jede Person leisten, bei teuren, transparent arbeitenden und fair produzierenden Labels einzukaufen. Aber gerade Angehörige der Mittelschicht, die feministische Botschaften von Fast Fashion-Unternehmen verteidigen, sollten sich gut überlegen, wem die Praktiken dieser Konzerne nützen. Sonst geht die Marketingstrategie der Fast Fashion-Ketten widerspruchslos auf – während Feminist*innen auch noch Beifall spenden.

Klar ist: Statement-Kleidung ist allenfalls als niedrigschwelliger Einstieg in die Auseinandersetzung mit feministischer Gesellschaftskritik denkbar. Einer Kritik, die Mehrfachunterdrückung nicht nur aufgrund von Geschlecht, sondern verschiedener Diskriminierungsformen ins Zentrum stellt, hält Fast Fashion nicht stand. »Feminismus« kann nicht glaubhaft als Produkt gekauft werden.

Die Verantwortung im Kleiderschrank

Von Unternehmen und Staat wird zu Recht erwartet, dass sie gesellschaftlichen Wohlstand erwirtschaften und fördern und dabei sozial- und umweltverträglich handeln. Gilt selbiges nicht auch für Verbraucher?

Konsument und Konsumentin tragen Mitverantwortung für die resultierenden ökologischen und sozialen Probleme. Ihre gewählten Konsumstile wirken sich mittel- und unmittelbar auf Umwelt, Klima und Produktionsstrukturen aus. Dieses Prinzip wird unter dem Begriff der Consumer Social Responsibility zusammengefasst.

Nach Belz und Bilharz (2007) berücksichtigt der ethisch und nachhaltig handelnde Konsument im Rahmen seines Verhaltens nachhaltigkeitsorientierte Aspekte in seinen Kaufentscheidungen, wie den Kauf von Kleidung, die unter humanen Bedingungen und aus umweltfreundlichen Materialien hergestellt wurde, und fördert somit eine nachhaltige Entwicklung. Sowohl ethischer als auch nachhaltiger Konsum sind Formen des kritischen Konsums, die das Massenkonsumverhalten in Frage stellen und Alternativen zum traditionellen Konsumieren bilden. Die sogenannten LOHAS- (Lifestyle of Health and Sustainability) oder Voluntary Simplicity-Anhänger versuchen beispielsweise durch bewussten Konsum und/oder Konsumreduzierung einen Beitrag zu einer gerechteren Konsumgesellschaft zu leisten. Im Gegensatz zu den Fast Fashion-Konsument*innen sind sie sich ihrer Rolle als mündige Verbraucher*innen bewusst. Die Vermeidung von Sweatshops (Ausbeutungsbetriebe) oder der Boykott bestimmter Unternehmen und Produkte spielen für ethische Verbraucher eine große Rolle. Ihr Weg aus dem Dilemma: Sie kaufen weniger Kleidung, bevorzugen gebrauchte Produkte oder unterstützen kleinere Labels, die ihre Produktionsbedingungen offenlegen und fair gestalten.

Fakt ist aber auch: Solange die Rahmenbedingungen im kapitalistischen Produktionsprozess und im globalen Handel einen Großteil der Menschen insbesondere in asiatischen und afrikanischen Ländern dazu zwingen, in prekären Verhältnissen zu niedrigen Löhnen für den Massenkonsum von Kleidung zu arbeiten, sind auch die Wahlmöglichkeiten beim Kauf zwangsläufig eingeschränkt. Dementsprechend ist nicht jede Entscheidung für oder wider bestimmte Labels als eine freie zu werten. Zudem ist die Anzahl jener Konsument*innen, die durch bewussten Boykott bzw. bewusste Kaufentscheidungen Einfluss auf den Markt ausüben, im Vergleich zu denen, die keine Wahlfreiheit haben, fast schon marginal.

Der zur Schau gestellte Feminismus der McFashion-Ketten hält einer feministischen Kritik nicht stand.


Lamia Arslan ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Sie forscht und promoviert zum Thema »Nachhaltiger und kritischer Konsum im Feld Mode«. Nach Berufserfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit in Sambia und dem DR Kongo arbeitete sie bei einer großen Stiftung in Hamburg im Bildungsbereich. Im Rahmen der Hamburger Arbeitsgruppe »Nachhaltigkeit in Mode und Textil« arbeitet sie seit Sommer 2016 zusammen mit Heike Derwanz, Annette Schützenmeister und Miriam Barbro Wolf und ist Mitglied des Textilstammtisches Hamburg.

Caren Miesenberger arbeitet als freie Journalistin und ist Masterstudentin der Geographie an der Universität Hamburg. Auf Twitter ist sie unter @carens_tweets zu finden.

*Der 24. April 2017 ist der 4. Jahrestag des Fabrikeinsturzes von Rana Plaza in Bangladesch. 2500 Menschen wurden verletzt aus den Trümmern geborgen, 1134 Menschen starben bei diesem Unglück. Eine Liste der involvierten Unternehmen und deren Spenden (und Nicht-Spenden) kann hier eingesehen werden.

Wir zeigen uns solidarisch mit allen Opfern dieses und weiterer vergangener Unglücke und fordern die allgemeingültige Regulierung von menschenwürdigen, fairen Arbeitsbedingungen.

 


Dass Kleidung nicht automatisch für die Ausbeutung von Mensch und Natur stehen muss, möchte das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit ihrer Fair Fashion Kampagne Vero&Selvie erreichen. Die beiden Hauptprotagonistinnen der Aufklärungskampagne, die deutsche Modedesign-Studentin Vero und die indische Näherin Selvie, stehen stellvertretend für eine oft komplexe Herstellungs- und Lieferkette. Anhand der beiden Frauen erfährt man auf der übersichtlich gestalteten Kampagnen-Seite mehr über Produktionsbedingungen, Materialgewinnung und Siegel – und bekommt Tipps, wie man sein persönliches Konsumverhalten verändern und mit dem Trendwahn unserer Wegwerfgesellschaft auf eine faire und verantwortungsvolle Weise umgehen kann.