Popping pills

Am 27. Juli 2016 nahm ich meine letzte Pille. Nahezu rituell zelebrierte ich den Prozess, auf den ich so lange hin gefiebert und doch mehrmals wieder aufgeschoben habe. Ein paar Schlucke Wasser und weg ist das Ding. Kurz überlege ich, den leeren Blister als Andenken aufzubewahren, but I don’t need that kind of negativity in my life. Also ab damit in den Müll, zusammen mit dem Blisterschutz und der nun leeren Sechserpackung MONA HEXAL inklusive ihrem dicken Beipackzettel, so lang wie mein Arm, den ich zuletzt 2010 durchlas. Anschließend deaktiviere ich den Handywecker, der mich die letzten Jahre täglich um 18.15 Uhr an die Einnahme meiner Pille erinnerte.

Das war’s nun also. Ich warte auf ein Zeichen, eine Fanfare, irgendwas, das sagt: Quest abgeschlossen! Level Up! Trophy Unlocked: Uterus Relief!
Stattdessen passiert: Nichts.

»Was ich damals als kleinen Triumph feierte, war in Wahrheit sehr dumm.«

Mit 19 Jahren lies ich mir die Pille verschreiben – verhältnismäßig spät, nahmen doch viele meiner Freundinnen die Pille bereits seit sie 14 waren. Das Gespräch mit meiner Frauenärztin war der Klassiker.
»Hallo, ich möchte die Pille verschrieben bekommen.«
»In Ordnung. Dafür muss ich Sie kurz vorab untersuchen.«
Platz nehmen auf dem Stuhl, Untersuchung, zurück ins andere Zimmer an den Schreibtisch. Sie zieht ein Blister aus einem Aktenschrank mit den Worten »Nehmen Sie das, bis es leer ist, und wenn Sie keine Nebenwirkungen bemerken, rufen Sie einfach an und ich stelle Ihnen ein Rezept für ein halbes Jahr aus.«
»Danke, tschüss!«
Es fiel kein Wort zu den möglichen Nebenwirkungen (Depressionen, Zwischenblutungen, Pilzbefall, Gewichtszunahme durch Wassereinlagerungen, Spannungen in den Brüsten, Ausbleiben der Regel, schwindende Libido, Migräne, Haarausfall, Übelkeit, Leberschäden, erhöhtes Thromboserisiko, Bluthochdruck, Lungenarterienembolien, Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, chronische Müdigkeit, Schwindel, Sehstörungen, Schweregefühl in den Beinen, Überempfindlichkeitsreaktionen einschließlich allergischer Hautreaktionen, Pigmentierungsstörungen, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten zu einem späteren Zeitpunkt, Osteoporose, Diabetes, trockene Haut, Rückenschmerzen, Veränderung der Blutfette, Absonderungen aus der Brustdrüse, Bindehautentzündungen, Krampfadern, Nesselsucht, Schilddrüsenentzündung – muss ich noch fortfahren?) ebenso wenig wie zu alternativen Verhütungsmethoden.
Stattdessen wurde mir versichert, dass sich mein Hautbild nach 3-6 Monaten enorm verbessern wird (zu dem Zeitpunkt litt ich unter sehr starker Akne) und wahrscheinlich auch meine Brüste größer werden würden, was ja auch den Herren zugute kommen wird. Ja, wirklich. Heute würde ich wohl schreiend aus dem Raum rennen, zum damaligen Zeitpunkt war ich einfach noch sehr naiv und freute mich, so selbstbestimmt mit meinem Körper umzugehen. Zudem war ich dem Irrglauben verfallen, dass Sex sich nur ohne Kondom gut anfühlt; ebenso musste ich die Erfahrung machen, dass Männer lügen können, wenn sie dir versichern, sie würden eines tragen – umso sicherer ist es doch, wenn ich die Pille nehme, nicht? Eine ungewollte Schwangerschaft war für mich zu dem Zeitpunkt eine Horrorvorstellung.
Nun, ich nahm den Blister (verspielt mit Klatschmohn, rosa Pillen), bemerkte keine Veränderungen und schloss daraus, dass ich auf Anhieb das richtige Präparat gefunden hatte und ließ mir gleich eine Halbjahrespackung verschreiben.

Von da an war es einfach. Ich fand heraus, dass auch mein Hausarzt mir ein Rezept für die Pille ausstellen konnte, ganz ohne Untersuchung. Ich musste der Arzthelferin einfach nur mitteilen, welches Präparat ich brauchte und ob ich eine Packung für drei oder sechs Monate wollte, dann konnte ich das Rezept eine halbe Stunde später unterschrieben abholen. So konnte ich mich jahrelang vor den unliebsamen Frauenarztbesuche drücken. Was ich damals als kleinen Triumph feierte, war in Wahrheit sehr dumm. Nicht nur, weil man sich besonders als sexuell aktive Frau mindestens einmal jährlich gynäkologisch durchchecken lassen sollte, sondern auch weil die Pharmakonzerne aktuelle Rückrufe und ähnliches bezüglich ihrer Pillen nur den Frauenärzt*innen mitteilen, nicht jedoch den Hausärzt*innen – klar, denn die haben für gewöhnlich nichts damit zu tun. Ich hatte Glück und für mein Präparat gab es in der Zeit keine bedenklichen Mitteilungen, es hätte jedoch auch ganz anders laufen können.

popping pills 2 / Melissa Graber
© Melissa (ahestae)

Bevor ich den Schritt machte und die Pille endgültig absetzte, las ich vorab viele Erfahrungsberichte. Google spuckt für den Suchbegriff „pille absetzen“ alleine über 800.000 Ergebnisse aus und alle davon sind furchtbar. American Horror Story: Hormonal Contraceptives wirkte für mich gar nicht mehr so abwegig. Da schrieben Frauen davon, wie sie über ein Jahr lang auf ihre Menstruation warteten, ehe sich ihr Hormonhaushalt wieder einpendelte; von Haarausfall und Akneschüben; von Gewichtszunahme und -abnahme; von extremen Stimmungsschwankungen und doppelt so starken Regelschmerzen. Es war genug, um den Gedanken zunächst von mir zu schieben und wie gewohnt die Pille weiter zu nehmen – doch er blieb im Hinterkopf hängen.

Es ist doch so: Kaum jemand schreibt im Internet über die positiven Veränderungen. Es ist wie Symptome zu googlen und jedes Mal wieder selbst zu diagnostizieren, dass man eine neue Art von Krebs hat, während man sich in Wahrheit nur den Magen verstimmt hat.
Ich fasste neuen Mut und suchte das Gespräch mit Freundinnen und Bekannten, welche die Pille abgesetzt haben oder ebenfalls mit dem Gedanken spielten. Kaum einer fiel es leicht und die Ängste waren alle ähnlich – doch die, die es letztlich getan haben, fühlten sich gut damit.
Und dann war da die Sache mit der Angststörung. Mittlerweile ist es wissenschaftlich erwiesen, dass hormonelle Verhütungsmittel Auslöser für zahlreiche psychische Erkrankungen sein können (oder die Veranlagung dazu letztlich ausbrechen lassen). In diesem Jahr wurde die erste große Studie veröffentlicht (man bedenke, die Pille ist seit 1960 auf dem Markt), die belegt, dass Frauen, die die Pille einnehmen, ein bis zu 34% höheres Risiko erleiden, an Depressionen zu erkranken; bei Teenagern sogar um 80%. Achtzig Prozent! Und den Mist hast du dein Leben lang. Andere hormonelle Verhütungsmittel schnitten übrigens keinen Deut besser ab.
Nachdem ich in diesem Jahr bezüglich meiner Angststörung an einem absoluten Tiefpunkt ankam, musste sich etwas gravierend ändern. Ich musste abwägen: Riskiere ich einen erneuten Ausbruch meiner Akne? Gebe ich ein Stück Selbstbestimmung und Sicherheit auf? Zusammen mit dem Luxus meine Menstruation um einige Tage nach Lust und Laune verschieben zu können? Ist es egoistisch meinem Partner gegenüber? (Nein.) Bin ich bereit für Regelschmerzen wie sie 2009 waren?
Oder aber komme ich an einen Punkt, in dem meine Angststörung meinen Alltag nicht mehr negativ beeinträchtigt? Ein Leben ohne grauen Schleier? Gönne ich meinem Körper eine verdiente Auszeit von all den künstlichen Hormonen?

Wie es so oft ist im Leben: Einfach mal machen und schauen, was passiert. Ich hatte wirklich große Angst und habe mir die schlimmsten Szenarien ausgemalt (mein Therapeut weiß Bescheid). Habe mit meinem Partner lange und intensiv darüber gesprochen und wurde in meinem Wunsch glücklicherweise bestärkt. Und nach etwas mehr als drei Monaten kann ich sagen: Alles halb so wild.

»Ich bin wütend wegen so viel Unverständnis und Bevormundung, bin wütend wegen all der Jahre, die ich meinen Körper mit der Pille gefüttert habe.«

Es dauerte etwa zwei Monate, bis ich meine Periode wieder bekam (die erste »richtige« seit 2010, alles andere waren künstlich herbeigeführte Abbruchblutungen) und sie war nicht schmerzhafter als sonst auch. Meine Haut erlebte nicht ihr befürchtetes Akne-Revival, meine Brüste schrumpften um eine Größe und ich fühle mich weniger aufgequollen.
Zu Stimmungsschwankungen vermag ich mich nicht zu äußern, da ich bereits mein Leben lang sensibel auf meine Umwelt reagiere. Nach einer längeren Pause fing ich erneut mit einer Therapie an, um meine depressiven Episoden in den Griff zu bekommen, bevor sie zu etwas Größerem wachsen.
Ich erwartete keine Wunderheilung meiner Angststörung, doch ich merke im Alltag kleine Veränderungen, wie etwa dass ich in langen Schlangen an Supermarktkassen innerlich nicht mehr ausflippe, dass ich alleine durch größere Menschenmassen spazieren kann und dass ich auch in die vollgestopfte U-Bahn steige, ohne an der nächsten Station schweißgebadet und einem Schwarm Kolibris in der Brust aussteigen zu müssen. Baby steps, aber es ist ein guter Weg.
Drei Monate sind angesichts der Tatsache, dass ich die Pille über sechs Jahre einnahm, keine lange Zeit. Vieles muss sich erst wieder einpendeln. Vielleicht beschließt meine Haut nächste Woche, dass es wieder Zeit für Akne wird, vielleicht ploppt eine neue, ungeahnte psychische Krankheit auf, vielleicht fallen mir all meine Haare aus, vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Wir nutzen nun erst mal wieder »nur« Kondome. Aktuell lese ich viel zu hormonfreien und weniger bekannten Verhütungsmethoden. Um meinen Zyklus zu tracken (nicht zur Verhütung!) nutze ich Clue, eine tolle App ohne Rosa. Von meiner Frauenärztin durfte ich mir bei meinem letzten Besuch anhören, dass mein Handeln verantwortungslos war und die Pille das einzige sichere Verhütungsmittel sei, gefolgt von dem Vorwurfs, dass »meine Generation sich für neunmalklüger hält als jede Generation vor ihr«. Wahrscheinlich sind psychische Krankheiten auch alle nur eingebildet. Ich bin wütend wegen so viel Unverständnis und Bevormundung, bin wütend wegen all der Jahre, die ich meinen Körper mit der Pille gefüttert habe. Hochgerechnet 1638 Pillen, 610,48 Euro. Es gibt schon länger Versuchsreihen für die Pille für den Mann, jedoch bisher erfolglos (aber das ist ein Thema, das einen eigenen Blogpost verdient hat).
Ich würde ich den Schritt jederzeit wieder tun und kann jeder, die mit dem Gedanken spielt, auch nur dazu raten es für sich zu probieren. Es kann nur besser werden, versprochen.

popping pills 1 / Melissa Graber
© Melissa (ahestae)

Dieser Artikel wurde am 8.11. von Melissa auf ihrem Blog ahestae veröffentlicht. Wir finden ihn wichtig und haben Melissa gebeten, ihn auch für unsere Seite zur Verfügung zu stellen. Vielen Dank.  

Ein Artikel von Contributor-Team-Mitglied Melissa vom Blog ahestae.
Fotos: Melissa.