© Annie Spratt (Unsplash)

Warum eigentlich TRUST THE GIRLS?

Das war die erste Frage, die mir ein Freund stellte, als ich ihm von dem Launch von TRUST THE GIRLS erzählte. „Ihr spielt doch nicht mehr mit Puppen, oder?“, war die Frage, die er nachschob. Dann googelte er und las vor: „TRUST THE GIRLS bezeichnet sich selbst als eine Meinungsplattform für feministische Themen, Gender Diversity, Empowerment und ganz schlicht: Liebe.“  Hört sich für mich ganz „erwachsen“ an – warum also geht es im Namen um Mädchen?

Warum, wenn es um Frauen geht, machen wir uns wieder zu Mädchen? Wir können es beobachten unter Hashtags wie #trustthegirls#femtasticgirlgang#girlgang oder auch Phänomenen wie Girlpower und den Spice Girls, die bei ihrer Gründung zwar noch jung, aber irgendwie auch keine wirklichen Mädchen waren. Was fasziniert uns als erwachsene Frauen am Mädchen, was bringt uns dazu, uns auf den ersten Blick kleiner zu machen als die erwachsene, erfahrene Frau, die wir sind?

Die Domestizierung der wilden Maid 

Was es für den Betrachter dieses Phänomens zu verstehen gilt, ist: Wir sprechen hier nicht von dem Mädchen, was gemeinhin und gesellschaftlich als Stereotyp gezeichnet wird. Wer die wirkliche Antwort will, der muss tiefer schauen. Hinter die Tapeten der rosafarbenen Zimmer, in denen sich Mädchen die Nägel pink lackieren, mit vielen Barbies, aber nur einem Ken spielen und direkt ausloten müssen, wer den exklusiven Zugang zum männlichen Geschlecht bekommt. Er muss unter die Tischdecken der „kleinen Damen“ schauen, die ihren Stofftieren Apfelsaft und Hello-Kitty-Cupcakes servieren und sich selbst erst setzen, wenn alle versorgt sind. Er muss vorbei am Stereotyp der Prinzessin im schönen, glitzernden Kleid, die aber dann doch auf den Prinzen warten muss, um zur Königin zu werden. Die Antwort findet sich viel tiefer verborgen, unter der gesellschaftlichen Domestizierung des wilden Mädchens, welches vom brav sein, lieb sein, schmusen wollen, rosa mögen und „wie ein Mädchen sein“ so eingeengt wird, dass am Ende nicht mehr viel von ihr übrig bleibt.

Das Mädchen, dem wir trauen können, das Mädchen, welches eine achtunggebietende Gang um sich sammelt, das Mädchen, welches uns mit seiner Schärfe Feuer untern Hintern macht, ist das wilde Mädchen. Es ist der Ursprung dessen, was uns später zu weisen, starken Frauen werden lässt, Frauen, die laut aussprechen, was sie denken, ihrer Intuition vertrauen, sich nicht für ihre Taten rechtfertigen, an Sisterhood glauben und sie leben. Das Mädchen und die Power, nach der so viele Frauen suchen, ist das Mädchen, welches intuitiv, weise, wissbegierig und laut ist. Welches mit dem Wind läuft, den Bäumen lauscht und genau spürt, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Es ist das Mädchen, was wild ist und nicht brav. Das seinem Gespür traut, anstatt sich freundlich lächelnd und mit Magenschmerzen zurückzuziehen.

Ordentlich bringt uns nicht weiter

Es ist das Mädchen, welches von klein an ruhiggestellt wird, sich anpassen soll und auch im 21. Jahrhundert so oft noch den – manchmal auch unbewussten – Erwartungen der Gesellschaft entsprechen soll. Bevor der große Aufschrei kommt: Mädchen-Sein wird in unserer Gesellschaft ja nicht immer und generell abgewertet. Allerdings werden Mädchen in eine bestimmte Richtung „erzogen“. Im Gegenteil – „oft genug werden Mädchen gelobt“, sagt Prof. Dr. Melanie Groß, Mitbegründerin des Feministischen Instituts Hamburg in einem Interview. „Zum Beispiel dafür, dass sie in der Schule fleißig sind, dass sie ordentlich sind, dass sie folgsamer oder oft vorsichtiger und vorausschauender sind. Genau diese – übrigens durch und durch sozial erlernten – Eigenschaften sind allerdings gesellschaftlich nur bedingt verwertbar. Wenn sie hoch hinaus wollen, brauchen Mädchen Ellenbogen und Durchsetzungsfähigkeit, manchmal auch etwas Streitlust. Genau solche Eigenschaften sind in unserer Gesellschaft jedoch eher mit Männlichkeit verbunden und es schwingt mit, dass wir alle wissen, dass diese Eigenschaften letztlich sehr geschätzt werden. Insofern ist der Ausspruch „Wie ein Mädchen“ durchzogen von einer gewissen Häme: „Du machst das ja ganz ordentlich, aber bringen wird es Dir letztlich wenig – das weißt Du nur noch nicht!“

Die Kampagne Like a girl (P&G, 2010) wurde nicht umsonst mit einem Emmy ausgezeichnet, schaffte sie es doch, mit ihrem kurzen Clip das Thema auf den Punkt zu bringen. “Ist ‘wie ein Mädchen’ etwas Gutes?”, werden die Mädchen im Anschluss gefragt. Die Antworten sind erschütternd, ein kleines Mädchen sagt: “Ich weiß nicht, ob es etwas Gutes oder Schlechtes ist. Es hört sich aber wie etwas Schlechtes an. Es hört sich an, als wollte man jemanden demütigen.“

Mädchen sind machtvolle Wesen, verbunden mit tiefer Weisheit und wahrer Wildheit. Und das macht sie eben so gefährlich für eine patriarchal organisierte Gesellschaft. Vielleicht sind sie sogar die gefährlichsten Wesen für das Patriachat überhaupt. Die wunderbare Eve Enssler hat es mit ihrem Buch I am an Emotional Creature“ und dem darin enthaltenen Gedicht auf den Punkt gebracht: „Ich bin ein emotionales Wesen. So wurde die Erde gemacht. So befruchtet der Wind. Du sagst dem Atlantischen Ozean nicht, sich ordentlich zu benehmen.“

Raus aus dem Korsett

Es wird Zeit, dass alle Frauen sich wieder trauen, das wilde Mädchen in sich hervorzurufen, es aus dem Korsett des braven Mädchens zu befreien und sich mit ihren Emotionen, ihrer Intuition und dieser kraftvollen Weisheit zu verbinden. Dazu gehört es auch, unerhört kreativ zu sein, laut zu lachen, im Regen zu tanzen, zu malen und zu singen, den Wind zu riechen und das zu tun, was sich gut anfühlt. Kurzum: ein emotionales Wesen zu sein, irrational und voller Klarheit.

“Ja, ich trete wie ein Mädchen und ich schwimme wie ein Mädchen und gehe wie ein Mädchen und wache morgens auf wie ein Mädchen – weil ich ein Mädchen bin. Und das ist nichts, wofür ich mich schämen sollte”, erklärt eine junge Frau im „Like a girl“-Clip. Und so sollte es für uns alle sein. Für all die Frauen, die ihr Mädchen wieder aufleben lassen. Und all die Mädchen, die erst gar nicht anfangen müssen, es zu verstecken.

Warum also #trustthegirls? Weil wir dem wilden Mädchen in uns trauen können. Dieser Instanz in uns, die das Patriarchat aufs Tiefste erschüttern kann. Es hat nie aufgehört, uns zu rufen. Kannst du es hören?

 

I AM AN EMOTIONAL CREATURE

I love being a girl.
I can feel what you’re feeling
as you’re feeling it inside
the feeling
before.

I am an emotional creature.
Things do not come to me
as intellectual theories or hard-shaped ideas.
They pulse through my organs and legs
and burn up my ears.

I know when your girlfriend’s really pissed off
even though she appears to give you what
you want.
I know when a storm is coming.
I can feel the invisible stirrings in the air.
I can tell you he won’t call back.
It’s a vibe I share.

I am an emotional creature.
I love that I do not take things lightly.
Everything is intense to me.
The way I walk in the street.
The way my mother wakes me up.
The way I hear bad news.
The way it’s unbearable when I lose.

I am an emotional creature.
I am connected to everything and everyone.
I was born like that.
Don’t you dare say all negative that it’s a
teenage thing
or it’s only only because I’m a girl.
These feelings make me better.
They make me ready.
They make me present.
They make me strong.

I am an emotional creature.
There is a particular way of knowing.
It’s like the older women somehow forgot.
I rejoice that it’s still in my body.

I know when the coconut’s about to fall.
I know that we’ve pushed the earth too far.
I know my father isn’t coming back.
That no one’s prepared for the fire.
I know that lipstick means
more than show.
I know that boys feel super-insecure
and so-called terrorists are made, not born.
I know that one kiss can take
away all my decision-making ability
and sometimes, you know, it should.

This is not extreme.
It’s a girl thing.
What we would all be
if the big door inside us flew open.
Don’t tell me not to cry.
To calm it down
Not to be so extreme
To be reasonable.

I am an emotional creature.
It’s how the earth got made.
How the wind continues to pollinate.
You don’t tell the Atlantic ocean
to behave.

I am an emotional creature.
Why would you want to shut me down
or turn me off?
I am your remaining memory.
I am connecting you to your source.
Nothing’s been diluted.
Nothing’s leaked out.
I can take you back.

I love that I can feel the inside
of the feelings in you,
even if it stops my life
even if it hurts too much
or takes me off track
even if it breaks my heart.
It makes me responsible.

I am an emotional
I am an emotional, devotional,
incandotional, creature.
And I love, hear me,
love love love
being a girl.

© Annie Spratt (Unsplash)
© Annie Spratt

Das wunderbare Gedicht gibt es am Ende dieses TED-Talks auch in Aktion und mit deutschen Untertiteln.

Zum Abschluss: Auch ich habe meiner Mutter lange Zeit in den Ohren gelegen, um eine Barbie zu bekommen. Da ich es dann doof fand, dass es nur einen Ken gab, habe ich angefangen, meiner Barbie ein wunderbares Penthouse im Sixties Style zu bauen mit Arbeitszimmer, denn sie war Chefin. Auch wenn ich nicht wusste, von was. Als Baumaterialien dienten mir Toffifee-Packungen und Klopapierrollen.

 

Ein Artikel von Contributor-Team-Mitglied Kaja Otto.
Foto von Annie Spratt über Unsplash.