Reclaim Reeperbahn – unsere Empfehlungen zum #rbf16

Wo andere Festivals ihre Moderatorin verlieren, weil sie nicht die einzige Frau auf der Bühne sein möchte, zeigt das Reeperbahn Festival in Sachen Diversity erfreulichere Tendenzen. Die ganze Palette von Retro-Soul über Rap und Electronica bis zu Riot Grrrl-Punkrock ist vertreten, oft mit feministischem Selbstverständnis auf und neben der Bühne. Wir haben das Line-Up auf girlpower durchleuchtet und fünf Künstlerinnen und Bands aufgeschrieben, von denen ihr euren Freund*innen später erzählen könnt, dass sie was verpasst haben.

 

Naomi Pilgrim

Vor einiger Zeit traf Naomi Pilgrim im Backstage auf einen Kameramann, der ihr nach einer frisch absolvierten Show riet, sie solle sich doch beim nächsten Mal die Haare glätten, das sähe viel hübscher aus. Ihre genaue Antwort ist nicht überliefert, es gilt jedoch als gesichert, dass es der letzte ungefragte Beautytipp war, den der Kameramann ungefragt an eine Künstlerin gerichtet hat. Denn hinter Beats und Pop-Appeal wartet bei der schwedisch-barbadischen Sängerin nicht nur ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, sondern auch eine offen politische Haltung. Neben der Bühne zeigt sich diese etwa in ihrer Arbeit für Falling Whistles; einer Organisation, die sich für Frieden im Kongo einsetzt. Auf der Bühne findet sie sich in Songs wie „Sink like a stone“, der sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Rechtspopulismus auseinandersetzt.

Freitag, 23.9.2016 / 20 Uhr / Jazz Café / Reeperbahn 1

 

Dilly Dally

Es gibt unzählige Epigonen der Riot Grrrl-Bewegung und viele von ihnen versuchen erfolgreich, dem Stil der frühen Neunziger neue Facetten zu verleihen. Katie Monks und Liz Ball halten sich damit nicht lange auf. Ihre Band Dilly Dally klingt, als wären die letzten 25 Jahre nie passiert. Sie feiern die Ästhetik des Unsymmetrischen und die Liebe zum Rotz, mal verletzlich wie Hole, mal kaputt wie Babes in Toyland. Am Ende wollen sie mit ihrem Grunge trotzdem alle erreichen („even the assholes“). Denn wer sich zunächst mal für die Musik begeistern kann, kommt um ihre Lyrics nicht herum – und die handeln von Geschlechterstereotypen, psychischer Gesundheit und Unterdrückung. Immer häufiger ergeben sich dadurch Situationen wie bei einem Konzert in Philadelphia, bei der cis-Männer im Publikum inbrünstig bei „Snake Head“ mitsingen – einem Song über Menstruation.

Samstag, 24.9.2016 / 14 Uhr / Molotow SkyBar / Nobistor 14

Samstag, 24.9.2016 / 21:15 Uhr / Molotow / Nobistor 14

 

Sevdaliza

Keine halben Sachen: Als Sevdaliza für sich beschloss, ab jetzt für die Musik leben zu wollen, warf sie ihre Karriere als Profi-Basketballerin in die Tonne. Das Musik machen brachte sich die niederländische Tochter iranischer Einwanderer selbst bei. Eine richtige Entscheidung, denn ihr dunkel flirrender, surrealer Post-irgendwas-Sound lässt sich schwer einordnen – so schwer, dass sicher irgendjemand versucht hätte, ihr einen einfacheren Weg einzureden. Funktioniert hätte es sowieso nicht. Dafür reicht ein kurzer Blick in Sevdalizas Twitter-Feed, in dem sie in beeindruckender Regelmäßigkeit 140-Zeichen-Manifeste veröffentlicht. Einer der aufregendsten Acts des Festivals.

Donnerstag, 22.9.2016 / 17 Uhr / Molotow SkyBar / Nobistor 14

Freitag, 23.9.2016 / 22:35 Uhr / Prinzenbar / Kastanienallee 20

 

Ala.ni

Ala.ni startete ihre musikalische Karriere als Backgroundsängerin für Mary J. Blige und Damon Albarn. Dann begann der Kampf: Ihre Stimme wollte die gängigen Muster einfach nicht treffen. Häufig wurde sie als zu eigenwillig befunden, im schlimmsten Fall als nicht schwarz genug. Diese Kämpfe scheinen heute weit entfernt. Sie hat sich durchgebissen und in diesem Jahr ihre erste LP „You & I“ veröffentlicht. Selbst, wenn man die Platte mit kabellosen Bluetooth-Kopfhörern hört, klingt sie wie aus dem alten Grammophon vom Dachboden. Natürlich spielt dabei auch die Aufnahmetechnik eine Rolle, in erster Linie ist es aber Ala.nis ach so schwierige Stimme, die den Songs zwischen Soul und altem Jazz ihre Wärme verleiht.

Freitag, 23.9.2016 / 22:20 / Imperial Theater / Reeperbahn 5

 

Le Butcherettes

Teri Gender Bender, die Sängerin von Le Butcherettes, gehört zu den Personen, die nach einem Konzert für immer in Erinnerung bleibt. Ist es ihre Stimme, die beeindruckende Tiefen erreicht, nur um im nächsten Moment mit einem Schrei Gläser zerspringen zu lassen? Ist es ihr Hang zum Dadaismus, der sie im Froschgang über die Bühne hüpfen oder mitten im Publikum über den Hallenboden robben lässt? Für Gender Bender handelt es sich bei all dem nicht um bloße Punk-Performance, es ist auch ein Ventil für ihre Wut. Jeder Song ein Anschreien gegen strukturelle Unterdrückung. Dafür steht auch das Bühnenoutfit der Butcherettes: Die blutige Schürze als Symbol für die Arbeit der braven Hausfrau und den Widerstand gegen dieses Rollenklischee.

Samstag, 24.9.2016 / 22:40 Uhr / Molotow / Nobistor 14

 

Ein Artikel von Contributor Team-Mitglied Benedikt Ernst.