It’s not about you #notallmen

Vor Kurzem stand ich mit einem männlichen Bekannten vor einem Musik-Festival. Wir setzen uns vor einen Zaun, an dem verschiedene selbst gemalte Poster mit Botschaften gegen sexualisierte Belästigung auf dem Festival-Gelände klebten. Er guckt sich ein Poster an, lacht auf und sagt: „Boah, noch nicht mal mehr feiern gehen kann Mann, ohne von Frauen gemaßregelt zu werden.“ Ich entgegne, dass ich die Guerilla Poster-Aktion, die übrigens noch nicht mal gegendert war, richtig und gut finde, schließlich gibt es auf vielen Festivals das Problem, dass Frauen (und natürlich auch Männer) im Gedränge  belästigt werden, sexistischen Sprüchen ausgesetzt sind oder sich auf unübersichtlichem Gelände grundsätzlich unsicher fühlen. Er lacht wieder und sagt: „Ach come on, jetzt fühle ICH mich direkt schlecht, weil ich auch einen Penis habe!“

Ich frage ihn, ob er schon einmal sexualisierte Übergriffe in seinem Umfeld erlebt hat, er verneint. Ich frage ihn ob er schon einmal mit Frauen (oder Männern) gesprochen hat, die Opfer sexualisierter Belästigung geworden sind, er verneint. Ich frage ihn, ob er schon einmal mit Männern gesprochen hat, die Frauen verbal oder physisch belästigt haben, er verneint. Ich frage ihn, ob er es eigentlich hilfreich findet, seinen eigenen Penis in die generelle Debatte über sexualisierte Belästigung zu werfen? Wir schauen uns an, und bevor ich noch irgendetwas sagen kann, dreht er sich um und geht.

© Eva Dietrich
© Eva Dietrich

Ich fühle mich nicht nur stehen gelassen, sondern auch um eine wichtige und interessante Diskussion betrogen. Eine Diskussion über Klischees und sichtbare Realitäten, denn eigentlich müsste allen Beteiligten einleuchten, dass eben nicht alle Männer Frauen belästigen, diskriminieren und ausgrenzen – und auch nicht andersrum! Also was genau fehlt zum solidarischen Gemeinsam-Kämpfen? Warum endet das harmlos begonnene Gespräch, wie viele andere Gespräche, wenn es um Diskriminierung und sexualisierte Belästigung geht, so abrupt mit der Verteidigung der eigenen Person, des eigenen Geschlechts? Warum ist ein Problem immer nur das Problem der anderen und nie das eigene? Wo hören wir auf, wo fangen wir an – und warum fangen wir nicht an, gemeinsam dagegen vorzugehen, anstatt die Problematik schlichtweg zurückzuweisen?

Ich kenne dieses aber nicht alle Männer (but not all men) Phänomen schon aus anderen online oder offline geführten Debatten über Feminismus und sexualisierte Belästigung. Wenn (vor allem) Männer eine zwischen Irritation, Verunsicherung und Genervtheit changierende Haltung einnehmen oder sich mit but not all men verteidigen für etwas, das sie zwar nicht direkt aber andere Männer tun oder eben nicht tun, und damit jede aufkommende Debatte bereits im Keim ersticken. Dabei ist es doch genau das, was wir so dringend bräuchten, unser Gegenüber für die eigene Sicht zu interessieren und solche emotional aufgeladenen Auseinandersetzungen mit Achtsamkeit und Ruhe zu begegnen. Denn wer mit dem Finger auf andere zeigt und sich nicht als Teil des Problems sieht, verweigert auch, Teil der Lösung zu sein.

© Eva Dietrich
© Eva Dietrich

Letztendlich erkennt man einen Menschen mit guten Absichten an seinen Aktionen — nicht an bloßen Worthülsen, die eigene Gutmenschlichkeit, das eigene Ego zu verteidigen. Ich wünsche mir: ehrliche, offene Zuhörer, nice guys, die ihre eigenen Egos zurückstellen und echte Verbündete im Kampf gegen Sexismus, Diskriminierung und sexualisierte Gewalt werden. Warum nicht bei nächster Gelegenheit einander die Hand reichen, zuhören und gemeinsam überlegen, wie wir das Miteinander menschlicher gestalten können? Vielleicht beim nächsten sexistischen Witz der Arbeitskollegen oder Social Media etwas dazu sagen, anstatt wegen Gruppenzwang mitzulachen. Das wäre ein Anfang. Denn if not all men, and not all women – than all human!

Am Ende des Festivals beobachte ich, wie ein betrunkener Mann einer ausgelassen tanzenden Frau von hinten an den Po grabscht, ich laufe empört auf die Tanzfläche, sie dreht sich um, die beiden küssen sich. Falscher Alarm. Ich gehe nach Hause. #notallmen